Jod ist nicht nur ein Bestandteil des Schilddrüsenhormons. Fast keine Körperzelle kommt ohne Jod aus. Viele Hashimoto-Symptome können die Folge von Jodmangel sein. Eine vorsichtige Re-Jodierung bringt den gesamten Organismus wieder in die Balance.

Schilddrüsenuntersuchung ©RFBSIP-fotolia

Zwei Dinge bekommen Menschen mit der Erstdiagnose Hashimoto Thyreoiditis mit auf den Weg – erstens ein Rezept für L-Thyroxin und zweitens den eindringlichen Ratschlag, Jod von nun an zu meiden.

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Die meisten meiden also fortan dieses Spurenelement, oder besser gesagt, machen einen großen Bogen um jodiertes Speisesalz, Fisch und Meeresfrüchte.  Denn komplett Jod aus der Ernährung zu streichen, ist fast unmöglich.  Zum Glück. Die Jod-Meider kommen zwangsläufig in einen massiven Jodmangel bzw. vergrößern den bereits bestehenden noch einmal.

Aber haben Sie sich als Betroffene schon einmal gefragt, warum Sie um Gottes Willen Jod meiden sollen? Oder haben Sie dies Ihren Arzt oder Heilpraktiker gefragt?

Irrungen und Wirrungen um eine kleines Spurenelement

Kein Mikronährstoff ist derzeit so umstritten wie Jod. In Bezug auf Hashimoto Thyreoiditis herrscht in einigen Kreisen der sozialen Medien (Facebook-Gruppen z. B.) eine regelrechte Jod-Phobie.

Schauen wir doch einmal ganz nüchtern, was Jod überhaupt ist.

Jod im Periodensystem ©Vchalup-fotolia

Jod ist ein Halogen, das gemeinsam mit seinen chemischen Verwandten Brom, Chrom, Fluor und Astat in der 7. Hauptgruppe im Periodensystem der Elemente steht. Nicht mehr und nicht weniger. Ähnlich wie Eisen, Kalium, Calcium und viele andere Elemente, die unseren Körper und unsere Welt ausmachen.

Sie dachten vielleicht, Jod sei lediglich Bestandteil der Schilddrüsenhormone? Sie erinnern sich: Vier Jodatome plus ein Molekül Tyrosin ergeben das (noch inaktive) Schilddrüsenhormon T4.

Bedeutung von Jod

Nein, Jod ist viel bedeutsamer. Der Gesamtjodgehalt des menschlichen Körpers beläuft sich auf ca. 30-50 mg. Weniger als 30% davon befinden sich in der Schilddrüse bzw. sind an Schilddrüsenhormone gebunden.  60-80% konzentrieren sich in extrathyreoidalen Geweben, vor allem in der Brustdrüse, in der Prostata,  in den Speicheldrüsen, im Magen-Darm-Trakt, in Teilen des Gehirns, in den Eierstöcken und – wie wir seit kurzem wissen – auch in den Leukozyten.

Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren sehr viel zur Aufklärung des Jodstoffwechsels beigetragen. Fast kein Organsystem kommt ohne Jod aus.

Natrium-Jodid-Symporter © Sascha Kauffmann

Immer mehr sogenannte Natrium-Jodid-Symporter werden derzeit entdeckt – kleine Transportsysteme in der Zellmembran vieler Körperzellen, die die aktive Jodaufnahme (unter ATP-Verbrauch) ermöglichen.  Der Symporter-Mechanismus zeigt uns: Viele Körperzellen benötigen Jod – z. B. für die Hormonproduktion, die Produktion des Gehirnwassers, die Immunabwehr, etc. Jodmangel ist daher immer mindestens mit Funktionseinschränkungen des jeweiligen jodverbrauchenden Organs verbunden.

Jodmangel wird u. a. auch mit Brustkrebs und anderen Tumorerkrankungen in Verbindung gebracht. Gerade neueste Forschungen von Rösner et al. 2016 zeigen im positiven Sinne, wie Jod auch bei Tumorerkrankungen als Heilmittel eingesetzt werden kann.

Jodmangel in der Schwangerschaft kann den IQ des Neugeborenen um bis zu 13 Punkte beeinflussen.

Wenn Jod an so vielen anderen Organen eine (lebens-)wichtige Rolle spielt – kann dann der Ratschlag, Jod zu vermeiden, sinnvoll sein? Wohl eher nicht.

Jodgabe bei chronisch entzündeter Schilddrüse

Thyroxin Molekül © Sascha Kauffmann

Was passiert, wenn ich Patienten mit einer chronisch entzündeten Schilddrüse Jod verabreiche?

Bei 10% passiert gar nichts, bei 90% treten allerdings „Unverträglichkeitsreaktionen“ auf. Je höher die Antikörper sind, desto eher scheint Jod nicht verträglich zu sein.  Diese sind ein Druckgefühl am Hals, Herzrasen, Schwitzen, Kopfschmerzen, Schwindel.

Diese Reaktionen sind nicht verwunderlich, denn die Schilddrüse ist chronisch krank, sie ist entzündet und gegen das Enzym, das die Oxidation von Jodid (aus der Nahrung oder aus Supplementen) zu Jod und die Kopplung von Jod und Tyrosin vornimmt, die Thyreoperoxidase (TPO), wurden Antikörper gebildet (Anti-TPO, MAK). Die Schilddrüse kann Jod in größeren Mengen oft nicht mehr verarbeiten.

Ähnlich geht es einem chronisch entzündeten Darm: er kann auch mit vielen Nahrungsmitteln nicht gut umgehen, er ist in seiner Funktion eingeschränkt. Daher treten bei Kontakt mit Nahrungsmitteln Unverträglichkeitsreaktionen auf.

Keiner würde aber Menschen mit einem entzündeten Darm den Rat geben, Nahrungsmittel zu meiden. Ähnlich ist es mit der Schilddrüse und Jod. Jod ist der Baustoff der Schilddrüse. Nehmen Sie ihr Jod weg, hat sie quasi keine Aufgabe mehr (ich lasse jetzt mal bewusst die Aufgaben von Calcitonin außen vor).

Jodversorgung der Bevölkerung ist miserabel

Ich teste grundsätzlich alle meine Patienten mit Schilddrüsenerkrankungen – und bei weitem nicht nur diese – auf Jod (in der Regel im Urin) und stelle fast immer einen deutlichen Mangel fest – vor allem, wenn die Patienten sich strikt an die Jodvermeidungs-Anweisung gehalten haben. Im übrigen ist der Jod-Urintest ein Test, den ich jahrelang überhaupt nicht durchgeführt habe – in der irrigen Annahme wir alle seien ja gut mit Jod versorgt. Das regelmäßige Testen hat mich gelehrt: Die Allgemeinbevölkerung ist mit Jod ähnlich „gut“ versorgt wie mit Vitamin D – nämlich miserabel. Dies liegt vor allem an unserer Ernährung. Alleine die Schilddrüse benötigt, um nicht zu erkranken (Schilddrüsenunterfunktion, kalte Knoten, Kropfbildung), mindestens 200 mcg pro Tag. Diese Menge erreichen nur die wenigsten.

Schauen Sie sich doch mal die typischen Jodlieferanten an:

  • 100 g Brot: 2 mcg Jod
  • 200 ml Karottensaft: 14 mcg Jod
  • 100 g Walnüsse: 3 mcg Jod
  • 100 g Rinderleber: 14 mcg Jod
  • 100 g Schellfisch: 200 mcg Jod
  • 5 g jodiertes Speisesalz: 125 mcg Jod

Auch wenn Sie Ihren gesamten Kochsalzbedarf (ca. 5 g pro Tag) nur über jodiertes Speisesalz deckten, hätten Sie immer noch eine Lücke von 75 mcg Jod.

Wohlgemerkt: Die Nährstoffempfehlung der Ernährungsgesellschaften von 200 mcg pro Tag deckt nur den Bedarf der Schilddrüse – nicht den des restlichen Organismus!

Übrigens: Die Japaner haben durch ihre Fisch- und Algenreiche Ernährung eine tägliche durchschnittliche Jodaufnahme von 3-13 mg. Interessanterweise ist dies das Volk mit der weltweit höchsten Lebenserwartung und geringsten Krebsrate.

Wenn Sie nach dem Lesen des Artikels überlegen, ob Sie im Jodmangel sind, messen Sie doch einfach selbst mal Ihren Jodspiegel im Urin- am besten durch einen Jodsättigungstest – die genaueste Methode, die den gesamten Jodbedarf des Körpers erfasst. Vermutlich werden Sie erstaunt sein – genauso wie ich es war – als ich nach 1,5 Jahren Stillen meines ersten Sohnes auf diese Weise feststellte, dass ich im gravierenden Jodmangel war. Haben Sie Angst vor der Einnahme von größeren Mengen Jod, was für diesen Test erforderlich ist, können Sie sich auch orientieren, indem Sie die Jodausscheidung im zweiten Morgenurin im Labor messen lassen.

Hashimoto-Symptome, Folgen von Jodmangel

Denn Jodmangel führt in der Regel zu vielen Symptomen, die fälschlicherweise mit Hashimoto Thyreoiditis URSÄCHLICH in Verbindung gebracht werden, oft sind diese Symptome aber auf den bereits bestehenden und weiter fortschreitenden Jodmangel zurückzuführen, wie z. B.

Jod © Sascha Kauffmann

An den fehlenden Schilddrüsenhormonen kann es ja nicht liegen, denn diese werden – angepasst an die jeweiligen Laborwerte – ja regelmäßig „neu eingestellt“. Daher kommen viele Patienten „gut eingestellt“ in meine Praxis und fühlen sich trotzdem nicht gesund. Im Gegenteil: Mit zunehmendem Alter treten mehr und mehr Symptome aus der o. g. Liste auf, trotz „guter“ Schilddrüsenwerte.

Re-Jodierung – langsame, verträgliche Jod-Einnahme

Um den jodverarmten Körper wieder an Jod zu gewöhnen, müssen wir einen Weg gehen, der ein langsames, verträgliches Zuführen von Jod in den Organismus ermöglicht.

Hierfür habe ich den Begriff Re-Jodierung geprägt.

In den letzten Jahren habe ich in meiner Praxis die Erfahrung gemacht, dass mein Re-Jodierungsprotokoll bei fast allen Patienten mit Hashimoto Thyreoiditis zu einer problemlosen Jodaufnahme geführt hat:

Mein Re-Jodierungsprotokoll

Lugolsche Lösung © Sascha Kauffmann

  • Selen 200 mcg/d
  • Vitamin D: 5.000 I.E./d
  • Vitamin A: 5.000 I.E./d
  • Erste Woche: 1 Tropfen Lugolsche Lösung aus der Apotheke 2% (1 mg molekulares Jod und. 1,5 mg Kaliumjodid = 2,5 mg Jod-Jodid) in die Ellenbeuge verreiben lassen = 2.500 mcg pro Tag Aufnahme über die Haut
  • Ab Woche 2: 2 Kapseln Jod auf Algenbasis in Kombination mit Astaxanthin (z. B. Pro Iodine)
  • Ab Woche 4:  4 Kapseln Jod auf Algenbasis in Kombination mit Astaxanthin (z. B. Pro Iodine)
  • Ab Woche 6: 6 Kapseln Jod auf Algenbasis in Kombination mit Astaxanthin.

Erläuterung der Begleittherapie

Selen: Bei Jodgabe ist Selen obligat. Selenmangel, der ebenfalls weit verbreitet ist, ist ein Hauptgrund für die Entwicklung und das Fortschreiten einer chronischen Schilddrüsenentzündung. Selen schützt die Schilddrüse vor dem schädlichen Einfluss des Wasserstoffperoxids (Glutathionperoxidase), zudem wird Selen bei der Umwandlung von T4 in T3 benötigt (Dejodasen). Keine Jodgabe ohne Selengabe!

Vitamin D: Vitamin D erhöht die Speicherfähigkeit von Jod im Schilddrüsengewebe.

Bei Vitamin D-Gabe sollte immer auch an die gleichzeitige Gabe von Magnesium (in der Regel 400 mg) gedacht werden, um die zelluläre Wirkung von Vitamin D zu verbessern.

Vitamin A: Vitamin A verbessert die Aufnahme von Jod in die Schilddrüsenzelle.

Lugolsche Lösung: Eine seit mehr als 150 Jahren bekannte Jod-Jodid-Wasser-Lösung, die in verschiedenen Stärken erhältlich ist. Für das Protokoll empfehle ich nur die 2% Lösung. Sie ist in Apotheken oder im Internet erhältlich.

Algen © fotolia

Jod aus Algen (z. B. Pro Iodine, Fa. Tisso Naturprodukte): Zur Re-Jodierung empfehle ich ein Jodpräparat, das aus Braunalgen gewonnen wird (z.B. Ascophyllum nodosum). Algen sind unsere Jodspeicher in der Natur. Wichtig ist bei den Präparaten auf die Freiheit von Schwermetallen zu achten. Ich arbeite mit dem Produkt der Firma Tisso, weil es Jod und Astaxanthin direkt in einer Kapsel anbietet und zudem die Reinheit von toxischen Belastungen garantiert (Schwermetalle, Radioaktivität). Selbstverständlich sind auch andere, gleichwertige Produkte möglich, im Sinne von einer Kombination mit Astaxanthin und auf zertifiziert  schadstofffreier Meeresalgenbasis. Süßwasseralgen, wie z.B. Chlorella oder Spirulina, haben zu wenig Jod für das Re-Jodierungsprotokoll.

Astaxanthin: Unterstützend zu Selen wichtig bei Hashimoto Thyreoiditis ist dieses starke (wohl eines der stärksten!) Antioxidans. Darüber hinaus unterstützt Astaxanthin auch die Wirkung der Thyreoperoxidase-Enzyme. Es wird z. B. aus der Blutregenalge gewonnen.

Mit diesen Begleitstoffen ist Jod für die Schilddrüse in der Regel keine Gefahr. Es wird so der Schilddrüse, aber auch den restlichen Organen, zur Verfügung gestellt.

Laborkontrolle während der Therapie

Selbstverständlich führe ich vor, während und nach der Re-Jodierung eine Laborkontrolle durch. Diese umfasst folgende Parameter:

  • Jod im Urin
  • Selen
  • Vitamin D3
  • Vitamin A
  • Schilddrüsenwerte TSH, ft3, ft4, TPO, TAK

Durch die Messung der Basaltemperatur vor und während der Therapie kann man den Erfolg der Re-Jodierung schnell selbst überprüfen. Die Basaltemperatur ist die Körpertemperatur, die direkt nach dem Erwachen morgens gemessen wird, bevor der Körper überhaupt in Bewegung ist – am besten direkt im Bett. Diese Grundtemperatur sagt uns viel über die Schilddrüsenfunktion aus. Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse liegt die Basaltemperatur (gemessen oral) unter 36,8 Grad Celsius.

Die Re-Jodierung sollte nicht in der Schwangerschaft und Stillzeit durchgeführt werden.

Die Re-Jodierung ist KEINE Therapie der Hashimoto- Erkrankung, dies möchte ich an dieser Stelle deutlich machen. Sondern sie dient dem Ausgleich eines Jodmangels. Die Therapie ist kompliziert und langwierig und setzt eine genaue Anamnese und Ursachenklärung voraus.

Häufige Begleitursachen von Hashimoto

Nach meiner Erfahrung sind fast immer eine oder mehrere Gründe involviert, v.a.

Eine vorsichtige Re-Jodierung hingegen bringt den gesamten Organismus wieder in die Balance.

Ähnlich wie bei anderen Dogmen auch (z. B. „Eier erhöhen den Cholesterinspiegel signifikant“) dauert es leider Jahre bis Jahrzehnte bis sich die neue Wahrheit durchsetzt. Leider – denn vielen Menschen wird durch falsche Dogmen eine bessere Gesundheit verwehrt.

Über die Autorin

Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, ist Heilpraktikerin, freie Journalistin (DFJV), Referentin und Autorin verschiedener Fachbücher.  Nach ihrem Studium der Volkswirtschaftslehre arbeitete sie mehrere Jahre in der freien Wirtschaft. Nach einer schweren Erkrankung interessierte sie sich zunehmend für moderne Labordiagnostik und Biochemie. Nach Genesung absolvierte sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Seit 2005 ist sie in Hofheim am Taunus niedergelassen.

Kontakt

Heilpraktikerin Kyra Kauffmann
Nordstrasse 2a
40479 Düsseldorf
e-mail: praxis_nachum@yahoo.de
www.naturheilkundliche-medizin.de

Haben Sie schon Erfahrung mit der Re-Jodierung? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar!

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