Als ich in der Univ. Frauenklinik in Heidelberg von allen Patientinnen mit gynäkologischen Erkrankungen Beschwerdebögen ausfüllen ließ, war ich überrascht, dass ca. 80% Darmprobleme hatten. Das hätte ich nie erfahren, wenn ich sie wie üblich nur nach dem Grund ihres Arztbesuches gefragt hätte.
Wenn Sie schon einige Zeit die Artikel in diesem Webmagazin verfolgen, wird Ihnen aufgefallen sein, wie oft ich die Bedeutung einer normalen Verdauung oder einer gesunden Darmflora betone: sei es bei den Artikeln zur Endometriose oder wiederkehrenden Scheideninfektionen oder bei chronischen Erkrankungen, wie Krebs.

Aber wie können Sie wissen, ob Sie einen gesunden Darm haben und ob Ihre Beschwerden, wie Konzentrationsstörungen oder Allergien mit Ihrem Darm zusammenhängen könnten? Um das herauszufinden, gibt es seit einigen Monaten ein umfassendes Buch von einem renommierten Umweltmediziner. Es heißt „Der Darm denkt mit“ und wurde von dem Umweltmediziner Klaus-Dietrich Runow verfasst. Ich habe es voller Begeisterung verschlungen, überwältigt von den modernen Methoden, die es heute in der Diagnostik gibt, und den weitgreifenden Behandlungsmöglichkeiten.

Sie werden sich erinnern, dass genau vor zwei Jahren einer der ersten Artikel dieses Webmagazins den Titel trug: „Und unser Bauch denkt wirklich mit„. In der Zwischenzeit gibt es viele neue Erkenntnisse, die beweisen, wie bedeutend unsere Darmgesundheit ist. Um Ihnen Ihren Darm als Schlüssel für Ihre Gesundheit näher zu bringen, habe ich mit dem Umweltmediziner Klaus-Dietrich Runow ein Interview geführt. Hierbei konnte ich natürlich nur die mir wichtigsten Fragen stellen, viele Antworten auf Ihre  persönlichen Fragen und Grundlagen zum Verständnis finden Sie in seinem Buch.

Ursache von Darmproblemen

Woher kommt es, dass heute so viele Menschen Probleme mit dem Darm und der Verdauung haben?

Aufgrund des zunehmenden Verzehrs prozessierter Nahrungsmittel und der übermäßigen Verwendung von Farb-, Konservierungs- und Aromastoffen, steigt die biochemische und immunologische Belastung der Darmökologie. Die Folge sind nicht nur Beschwerden im Darmtrakt. Nahrungsmittel und Zusatzstoffe können Reaktionen in allen Organen verursachen.

Zu wenig Beachtung im medizinischen Alltag findet auch die Tatsache, dass Pollenallergiker sehr häufig auf Nahrungsmittel reagieren. Zielorgan Nr. 1 bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist mit über 40% die Haut. An zweiter und dritter Stelle folgen der Darm und die Lunge. Darüber hinaus gibt es auch klassisch immunologische und pseudoallergische Reaktionen im Gehirn. Synthetische Farbstoffe und Zusatzstoffe wie Glutamat (Geschmacksverstärker) können – besonders bei Kindern – zum ADHS führen, zum Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom.

Was ist ein Reizdarm?

Wenn Sie Ihrer Patientin sagen: Ihr Darm reagiert gereizt, weil Sie „überreizt“ sind, wird sie dafür sicher wenig Verständnis haben. Wie erklären Sie ihr diesen Zusammenhang?

Meinen Patientinnen erkläre ich, dass der „Reizdarm“ für mich zunächst keine Krankheit sondern ein Symptom darstellt. Die Aufgabe des Arztes/der Ärztin ist es herauszufinden, welche Gründe hierfür in Betracht kommen.

Meistens sind es eben nicht psychische Ursachen, sondern es liegen „organische“ Störungen im Darm vor: Allergien bzw. Pseudoallergien, Enzymschwächen oder mikrobiologische Fehlbesiedelungen durch Pilze, Parasiten, pathogene Bakterien und auch Würmer. Moderne genetische Stuhlanalysen decken hier pathogene Keime in einer bisher ungeahnten Präzision auf.

Ich rate auch dazu, neben einer Stuhl- und Verdauungsanalyse die Nahrungsmittelunverträglichkeiten differenziert abzuklären. Auch in diesem Bereich gibt es neue Untersuchungsmethoden. Oft ist es die so genannte „gesunde Kost“, die unsere Patienten krank macht. Eine große Dunkelziffer beklagen wir bei der Getreideunverträglichkeit. Es gibt amerikanische und kanadische Untersuchungen, die zeigen, dass es in der Regel 10-11 Jahre dauert, bis eine Getreideunverträglichkeit festgestellt wird. Wir sprechen daher von Zöliakie-Eisberg“. Auch wenn bei der Dünndarmbiopsie keine Zottenatrophie festgestellt wird, kann eine Glutensensibilität vorliegen. Ab Herbst dieses Jahres werden wir auch auf diesem Gebiet neue Blutuntersuchungen anbieten können.

So lange Patienten nicht heftige Bauchschmerzen haben, sondern nur Blähungen, mal Verstopfung, mal Durchfall, nehmen sie diese Symptome ja nicht ernst. Wann sollten Patienten mit diesen Beschwerden zum Arzt gehen?

Grundsätzlich dürfen wir den Darm eigentlich gar nicht spüren, d.h. Durchfall, Verstopfung und Blähungen sind immer Krankheitszeichen, die näher abgeklärt werden müssen. Bei Beschwerden wie häufiges Aufstoßen, Grummeln im Bauch, Völlegefühl und Sodbrennen sollten zunächst Nahrungsmittelunverträglichkeiten ausgeschlossen werden.

Oft treten Darmstörungen nach einer Antibiotikumtherapie auf – und das manchmal sogar erst nach drei Monaten. Da die Patienten meistens nicht mehr daran denken, sollten wir Ärzte immer die Frage nach einer vorausgegangenen Antibiotikumtherapie stellen. Als Folge kann sich eine mikrobiologische Fehlbesiedelung und einer deutlich geminderten Zahl freundlicher Darmbakterien, der Probiotika, eingeschlichen haben. Ein Stuhltest ist hier unbedingt zu empfehlen.

Der Darm und Neurologische Erkrankungen

In Ihrem Buch beschreiben Sie ja, dass auch die Zunahme neurologischer Erkrankungen, wie Parkinson oder Alzheimer , mit dem Darm zusammenhängen. Wie erklären Sie das und was sagen die Neurologen dazu?

Es gibt direkte anatomische, biochemische und immunologische Verbindungen zwischen dem Darm und dem Gehirn. Jüngere Beobachtungen zeigen, dass Umweltgifte (z.B. Pestizide) nicht nur über den Blutkreislauf, sondern direkt über das enterale Nervensystem in das Gehirn gelangen und dort zu neurodegenerativen Prozessen führen können. Auch Entzündungen im Darm können sich direkt auf das zentrale Nervensystem auswirken. Die Immunzellen des Darmes sind assoziiert mit den Gliazellen im Gehirn. Kurz: Wenn die Darmimmunzellen entzündet sind, sind es auch die Immunzellen im Gehirn.

Der Darm und Psychische Erkrankungen

Gibt es auch einen Zusammenhang zwischen dem Darm und Depression, bzw. Burn-out?

Bild der Künstlerin Hilly Kessler

Depression oder Burn-Out sind für mich zunächst nur Symptome und keine Krankheiten. Ich möchte wissen, ob Entzündungen, Umweltgifte, Störungen der Verdauung, Nahrungsmittel und Nährstoffmangel den Gehirnstoffwechsel beeinflussen.

In meinem Buch habe ich den Fall eines 28- jährigen „Burn-Out“- Patienten beschrieben. Heftige Darmkrämpfe und daraufhin eingesetzte Antibiotikuminfusionen führten schließlich zu einer Gewichtsabnahme um 20 kg innerhalb von drei (!) Monaten. Da man weder im Blutbild noch bei radiologischen Untersuchungen (MRT) pathogene Befunde erheben konnte, wurde die Diagnose „Depression“ gestellt und Antidepressiva verordnet. Meine Untersuchungen ergaben eine Kuhmilch/Casein-Unverträglichkeit und eine starke Pilzbesiedelung des Darmes. Der Patient, der an den heftigen Darmbeschwerden / „Depressionen“ immerhin schon 2 Jahre litt, war innerhalb von einer Woche beschwerdefrei. Er ist es bis heute.

Der Darm und ADHS

Millionen von Kindern und zunehmend mehr Erwachsene werden wegen ADHS mit Psychopharmaka behandelt, oder sagt man besser „vergiftet“? Wo sehen Sie die Ursachen dieser Erkrankung, und was würden Sie Eltern mit unruhigen Kindern empfehlen?

Bei ADHS empfehle ich die Untersuchung von maskierten Allergien (Nahrungsmittelunverträglichkeiten). Farb-, Konservierungsstoffe sowie Geschmacksverstärker und Aromen sind zu meiden. Eine Stoffwechselanalyse (organische Säuren im Urin) kann einen erhöhten zellulären Bedarf an Nährstoffen aufdecken. Auf der Basis solcher Tests stelle ich eine Vitamin und Nährstofftherapie zusammen. Hier arbeiten wir mit US-amerikanischen Laborpartnern zusammen. Nicht fehlen dürfen umweltmedizinische Analysen (Schwermetalle, Porphyrine, Bisphenol A etc.).

Der Darm und Autismus

Auch Autismus bringen Sie in Zusammenhang mit dem Darm. Bedeutet das Hoffnung für die Betroffenen?

Da über 90 % der Autisten Störungen im Verdauungstrakt haben, sollten die neuen Stuhl- und Verdauungsanalysen nicht fehlen. Darüber hinaus untersuchen wir im Urin Peptidbausteine, die durch eine unzureichende Verdauungsleistung (Enzymschwäche) verursacht werden. In solchen Fällen findet man z.B. Casomorphine und auch Glutenomorphine im Urin.

Es handelt sich hierbei um Nahrungsbestandteile, die in Milch und Milchprodukten bzw. Getreide enthalten sind. Casomorphine und Glutenomorphine sind opioidwirksame Peptide, die zu Störungen im Nervensystem führen können und im Urin von Patienten mit Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen (ADHS), Autismus, Depressionen und Schizophrenie nachgewiesen werden.

Da es sich hierbei nicht um klassische Allergien, sondern um Peptidunverträglichkeiten handelt, verordne ich hochwirksame Enzyme (auf pflanzlicher Basis) zur Verbesserung der Verdauungsleistung und rate dazu, die betreffenden Nahrungsmittel über einen Zeitraum von zunächst 3 Monaten zu meiden. Anschließend können diese im Rahmen einer 4-Tage Rotation wieder dem Nahrungsplan zugeführt werden. Bei Autisten rate ich zusätzlich zu einer Vitamin- und Mineralstofftherapie.

Der Darm und Adipositas

Bei Adipositas wird immer noch Kalorien zählen empfohlen und der Verzicht auf Fett. Sie vermuten, dass Übergewicht ganz andere Gründe haben könnte. Welche ? Und was kann eine adipöse Frau jetzt tun?

Bei unseren Stuhltests bestimmen wir routinemäßig den „Adipositas Index“. Er setzt sich zusammen aus dem Anteil an verschiedenen Bakteriengruppen, den Firmicutes und den Bakterioidetes. Beobachtungen haben ergeben, dass Personen mit einem hohen Anteil an Firmicutes die Nahrung offenbar besser verdauen können und schneller an Gewicht zunehmen. Da auch maskierte Nahrungsmittelunverträglichkeiten zur Gewichtszunahme führen, dürfen entsprechende Blutanalysen nicht fehlen.

Der Darm und Rheuma

Kann man auch Rheuma über den Darm beeinflussen?

Eine mikrobiologische Fehlbesiedelung im Darm durch z.B. Yersinien, Campylobacter, Salmonellen, Pilze etc. kann zu systemischen Entzündungen führen – auch zu Arthritis.

Bei rheumatischen Beschwerden sollte u.a. auch an die Kreuzreaktivität zwischen Darmzellen (Colon-Epithelzellen) und Knorpelzellen gedacht werden. Wenn sich das Darm- Immunsystem aufgrund von Entzündungen, Allergien, Antibiotikagaben bzw. Umweltgifte durch Bildung von Antikörpern gegen eigene Strukturen wehrt, können diese auch andere Gewebe angreifen.

Eine Unterstützung der Darmflora mit freundlichen Bakterienstämmen und die Eliminierung von allergenen Nahrungsmitteln kann dazu beitragen, rheumatische Beschwerden zu lindern oder zum Abklingen zu bringen.

Sodbrennen- Folgen für den Darm

Die einen Ärzte verschreiben bei Sodbrennen Natron, die anderen Säureblocker, warum haben diese Mittel einen Einfluss auf unseren Darm? Was kann man noch gegen Sodbrennen tun?

Starke Säure, nämlich Salzsäure, gehört zur sinnvollen Ausstattung unseres Magens und ist unentbehrlich für eine vollständige Verdauungsleistung.

Den aktuellen Trend zur Blockierung der Säure durch Protonenpumpenhemmer (PPI), „Basenpulver“ etc. betrachte ich sehr kritisch. PPI gehören mittlerweile zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln in westlichen Industriestaaten.

Im Jahr 2009 wurden fast 2 Milliarden (!) Tagesdosen Säureblocker (PPI) verordnet – eine Versechsfachung gegenüber dem Jahr 2000. Die Hälfte wird nicht indikationsgerecht eingesetzt. Nicht nur bei „Reizmagen“ und Reflux werden die Präparate verwendet, sondern auch flankierend zu anderen Medikamenten als sogenannter „Magenschutz“ eingesetzt.

In der Folge kommt es zu Verdauungsstörungen, Immunsuppression, Resorptionsstörungen (z.B. Calcium) und einem erhöhten Osteoporoserisiko. Da die Patienten meistens kein Säureproblem haben, sondern nur dyspeptische Beschwerden, die durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder eine Verdauungsschwäche (Enzymmangel) verursacht sind, sollten zunächst differenzierte Untersuchungen erfolgen. Säureblocker sollten grundsätzlich nur kurzfristig verordnet werden.

Medikamente- Folgen für den Darm

Bei Antibiotika und Cortison wissen schon viele, dass diese Medikamente die guten Darmbakterien zerstören, aber was ist mit so gängigen, millionenfach verordneten Mitteln wie Aspirin oder Ibuprofen?

Viele Medikamente führen zu einer Reizung der Darmschleimhaut und erhöhen die Durchlässigkeit des Darms. Beim „Leaky-Gut-Syndrom“ kommt es über einen verstärkten Einstrom von Nahrungsbestandteilen, Bakterien und Toxinen in den Blutkreislauf zu einer Immunbelastung, Allergien und Förderung von systemischen Entzündungsprozessen. In der Folge reagieren auch extraintestinale Organe, die häufig gar nicht mit dem Darm in Verbindung gebracht werden und deshalb nur symptomatisch behandelt werden.

Selbstverständlich sind es nicht nur Medikamente, die den Darm so reizen können. Viel häufiger sind es Bestandteile von Nahrungsmitteln und Zusatzstoffe. Da man auf die ja nicht verzichtet und man meistens auch gar nicht weiß, welche die Darmschleimhaut so angreifen, kann man auch keine Besserung der daraus resultierenden Leiden erwarten.

Nahrungsmittelallergien

Sie unterscheiden ja in Ihrem Buch Nahrungsmittelunverträglichkeiten von Nahrungsmittelintoleranzen. Welchen Unterschied macht das im Alltag für den Patienten?

Fast keinen. Den Patienten interessieren die akademischen Unterscheidungen nicht. Er muss wissen, welche Nahrungsmittel für eine bestimmte Zeit gemieden werden müssen, und wann er sie wieder im Rahmen einer 4-Tage Rotationsdiät dem Ernährungsplan hinzufügen kann. Bei den Intoleranzen können heftige Beschwerden auftreten, ohne dass immunologische Reaktionen ablaufen bzw. ohne dass Antikörper im Blut nachgewiesen werden können. Erschwerend kommen die Spätreaktionen hinzu. In der Regel steht der Mensch etwa 3-4 Tage unter dem Einfluss dessen, was er heute gegessen hat. Manche reagieren noch später. Hier wird es mit der Zuordnung und natürlich auch der Diagnostik schwierig.

Der Darm des Neugeborenen

Nach der Geburt wird der Darm bei den Neugeborenen ja von unterschiedlichen Bakterienstämmen besiedelt, und die entscheiden bereits über seine Zukunft! Was empfehlen Sie Schwangeren, um ihren Babys einen guten „Darmstart“ ins Leben zu ermöglichen?

Schwangere sollten unbedingt auf eine gesunde Darmflora und eine optimale Nährstoffversorgung achten. Ich empfehle in der Schwangerschaft neben der Einnahme von Mineralstoff- und Vitaminpräparaten auch freundliche Darmbakterien (Probiotika). Sobald aber Darmbeschwerden wie z.B. Blähbauch, Grummeln oder Bauchschmerzen auftreten, sollte mit der Ärztin oder dem Arzt abgeklärt werden, ob man die Präparate absetzt oder andere Kulturen verwendet.

Beim Neugeborenen ist die Darmoberfläche steril. Bevor sich der freundliche Bakterienfilm auf der Darmschleimhaut ausbreiten kann, sind Neugeborene der aggressiven Umwelt schutzlos ausgeliefert. Infektionsschutz gibt es aber durch die unverdaulichen Komplexzucker, die ausschließlich in der Muttermilch vorkommen. Diese Zucker machen immerhin bis zu einem Fünftel der Muttermilch aus. Für freundliche Darmbakterien wie die Bifidobakterien (B. longum) stellen diese Zucker einen wichtigen Nährstoff dar – sie können sich vermehren und im Darm des Säuglings ausbreiten und ihn vor schädlichen Bakterien schützen. Da diese Komplexzucker auch direkten Schutz vor giftigen Bakterien bieten, rate ich unbedingt zum Stillen, obwohl die Muttermilch häufig stark mit Umweltgiften belastet ist. In diesem Fall sollten umweltmedizinische Therapien Mutter und Kind unterstützen.

Diagnostik von Darmerkrankungen

Welche Schritte empfehlen Sie, um herauszufinden, was dem Darm fehlt?

Basisuntersuchung

  1. Stuhl- und Verdauungsanalyse (allerdings empfehle ich die neuen genetischen Tests). Hierbei müssen nicht nur die pathogenen Keime, sondern auch der Anteil der freundlichen Darmbakterien (Laktobazillen, Bifidobakterien) überprüft werden. Darüber hinaus möchte ich wissen, ob die Nahrung richtig verdaut wird. Es kommt immer wieder vor, dass wir in den Stuhlproben hohe Anteile an unverdauten Pflanzenfasern finden, was ein Hinweis auf eine Schwäche der Bauchspeicheldrüse zu werten ist. In solchen Fällen können Enzyme eine deutliche Linderung bewirken.
  2. Nahrungsmitteltests. Da die klassischen Immunglobulin E (IgE-Tests)- und Hauttests bei meinem Patientenklientel meist schon durchgeführt worden sind (und häufig negativ waren), konzentriere ich mich auf immunologische Spätreaktionen. Neben zellulären Tests (z.B. den Lymphozyten-Transformations-Tests, LTT) empfehle ich die IgG4-Antikörpertests, die von Fachkreisen kritisiert werden. Häufig zu Recht, denn die üblichen IgG-Tests ergeben zu viele falsch positive Resultate. In diesem Bereich gibt es aber eine neue ELISA – Technik (Allergix-Test). Mit einem zum Patent angemeldeten Verfahren werden falsch positive Reaktionen eliminiert.

 

Wann empfehlen Sie Stuhluntersuchungen? Welche Labors führen sie durch? Sind das Leistungen der GKV?

Stuhl– und Verdauungsanalysen waren schon immer Bestandteil meiner Basisdiagnostik bei allen chronischen Erkrankungen. Neu sind die genetischen Stuhltests, die erstmals eine exakte quantitative mikrobiologische Analytik bieten, ohne dass es zu transportbedingtem Fehlwachstum kommt. Erstmals können auch die anaeroben Bakterien, die immerhin 95% der Dickdarmflora ausmachen, zahlenmäßig genau bestimmt werden.

Die anaeroben freundlichen Darmbakterien können durch die üblichen Labormethoden nicht exakt quantitativ bestimmt werden, da sie durch den Sauerstoff im Teströhrchen während des Transportes absterben. Unser Institut arbeitet exklusiv mit dem renommierten US-Labor Metametrix zusammen, das als erstes Labor weltweit die neue DNA-Stuhl-Analytik anbietet.

Durch diese quantitative Untersuchung können über die optimierte Multiplex-PCR (Polymerase Chain Reaction) erstmals neben den anaeroben Bakterien und probiotischen Darmbakterien alle Pilze, Parasiten und pathogenen Bakterien in einer bisher nicht verfügbaren Präzision bestimmt werden.

Interessierte Ärzte können die Teströhrchen bei uns in Wolfhagen anfordern. Die Ergebnisse können elektronisch per pdf-Datei übermittelt werden. Unser Team steht gerne auch bei der Interpretation der Testergebnisse zur Verfügung. Im Rahmen unserer Europäischen Akademie for Functional Medicine (AFM) führen wir regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte durch.

Das Leistungsspektrum des IFU-Diagnostic Center in Wolfhagen findet man im Internet. Es handelt sich um Urin, Blut-, Haar-, Speichel- und Stuhluntersuchungen, die fast ausschließlich in den USA durchgeführt werden – es sind also die Original-Tests. Näheres auch auf der amerikanischen Internetseite.

Die Leistungen gehören nicht in das Spektrum der GKV. Es sind Privatleistungen.

Urinanalysen

Gehören auch Urinanalysen immer dazu? Welche wären das? Und in welchen Labors werden sie zuverlässig bestimmt? Sind das Leistungen der GKV?

Nach einer eingehenden Anamnese wird über die einzelnen Analysen entschieden. Eine wichtige Säule stellen die modernen Urinanalysen dar, durch die Stoffwechselmetaboliten (organische Säuren) bestimmt werden. Der Urintest lieferte einen guten Überblick über zahlreiche Stoffwechselprozesse (Entgiftung, Mitochondrien, Neurotransmitter etc.) aber auch über den individuellen Nährstoffbedarf. Die bislang üblichen Vitamintests im Blut sind durch die neue Analytik abgelöst worden. Blutanalysen liefern nur einen groben Überblick über die Vitaminversorgung und berücksichtigen nicht den tatsächlichen Nährstoffbedarf in der Zelle.

Denken wir an das Vitamin B12. Hier ist die Bestimmung der Methylmalonsäure im Urin ein früher funktioneller Marker für einen erhöhten Vitamin B12 Bedarf auf Zellebene. Beispiel: Schwermetalle wie Blei und Quecksilber können die Umwandlung von Vitamin B12 in das Methyl-B12 blockieren. Im Blut findet man häufig einen normalen B12-Wert, obwohl auf Zellebene ein erhöhter Vitamin B12 Bedarf (Methyl-B12) vorliegt.

Atemgasanalysen

Wann sind Atemgasanalysen nötig und wie funktionieren sie? Braucht man dazu spezielle Labors? Sind das Leistungen der GKV?

Nach der Einnahme einer Testsubstanz (z.B. Fruktose oder Laktose) pustet der Patient nach einem bestimmten Zeitmuster in Vakuumröhrchen. Zum Ausschluss von Intoleranzen wird bei uns nicht nur der Anstieg von Wasserstoff, sondern auch von Methan bestimmt. Wenn nämlich durch Fäulnisprozesse im Darmtrakt Methan gebildet wird, kann dieses die Wasserstoffmessung stören und zu falschen Ergebnissen führen. Die Atemgasröhrchen können bequem per Post verschickt werden.

Blutanalysen

Welche Blutanalysen sind wichtig? Welche Labors empfehlen Sie? Sind das Leistungen der GKV?

Bei der „Functional Medicine“ handelt es sich um angewandte Ernährungs- und Umweltmedizin, die sich naturwissenschaftlicher Labormethoden bedient, um die Biochemische Individualität des Patienten zu analysieren.

Neben einem großen Blutbild empfehle ich neben Allergietests auch Entzündungsmarker zu bestimmen wie z.B. hs-CRP, Interleukine, Homocystein aber auch Vitamin D3 (25-OH-D3) und die Zöliakieserologie mit Gewebstransglutaminase und Gesamt- IgA. Während das Blutbild und die genannten Marker in herkömmlichen deutschen Labors angefordert werden können, bieten wir unseren Kolleginnen und Kollegen eine Kooperation mit den führenden US-Labors an, um unsere Patienten wirklich auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand beraten zu können. Wir sprechen hier gerne von „Premium Umweltmedizin“. Hierbei handelt es sich um Privatleistungen.

Das 4-R-Programm zur Darmgesundheit

Können Sie etwas über Ihr 4-R-Programm zur Darmgesundheit erzählen?

Zur Regulierung der Darmökologie orientieren wir uns an dem vom US-amerikanischen „Institut for Functional Medicine“ definierten 4-R-Programm. (Remove, Replace, Reinoculate, Repair):

  1. Remove (Eliminieren/Weglassen). Hier geht es um das Meiden von allergenen Nahrungsmitteln und die Elimination von pathogen Bakterien, Parasiten und Pilzen. Eliminiert werden müssen auch Toxine und Umweltgifte wie z.B. Schwermetalle, Pestizide (Entgiftung).
  2. Replace (Ersetzen/Hinzufügen). Hier geht es um die Unterstützung der Verdauungsleistung durch Enzyme. Wie in meinem neuen Buch beschrieben (Kapitel 6: Das Enzym-Konzept), stellt unser Körper ab der Pubertät in jedem Lebensjahrzehnt 10-13% weniger Enzyme her. Somit kommt es im Laufe des Älterwerdens zwangsläufig zu Problemen mit der Verdauungsleistung. Die Einnahme von nicht- tierischen Enzymen, die bereits im sauren Magenmilieu wirksam sind, nehmen bei der Therapie chronischer Erkrankungen einen immer größer werdenden Stellenwert ein.
  3. Reinoculate (Neubesiedelung). Dabei geht es um die Einnahme freundlicher Darmbakterien wie Laktobazillen und Bifidobakterien. Hier sollte darauf geachtet werden, dass Präparate mit vermehrungsfähigen Keimen verwendet werden. Allerdings gibt es auch Patienten mit einer Überbesiedelung an freundlichen Darmbakterien (Overgrowth Syndrom). Aus diesem Grund rate ich vor der Therapie mit Darmbakterien zur mikrobiologischen Untersuchung, die auch die freundliche Darmflora umfasst. Wie oben beschrieben kann dies durch die neuen genetischen Stuhltests in einer bisher nicht verfügbaren Präzision erfolgen.
  4. Repair (Reparatur). Die gestörte bzw. entzündete Darmschleimhaut soll vorrangig durch Nährstoffe und pflanzliche Substanzen wieder aufgebaut bzw. repariert werden. Hier können neben Vitaminen und Mineralstoffen auch Glutamin, Omega-3 Fettsäuren und pflanzliche Substanzen wie Curcuma (Tumeric), Süßholzwurzel (Lakritz; möglichst ohne Glycyrrhizin;) hilfreich sein. Weitere Hilfen finden Sie in diesem Magazin im Artikel über chronisch entzündliche Darmerkrankungen.

Darmpflege

Wie können wir unseren Darm pflegen?

Änderung des Ernährungsverhaltens

In Ihrem Frauengesundheitsbuch haben Sie ja viele wertvolle Hinweise gegeben, wie man mit adäquater und individueller Ernährung, unterstützt durch Nahrungsergänzungsmittel, die gesunde Darmfunktion fördern kann. In meiner Praxis haben sich folgende Änderungen des Ernährungsverhaltens bei nicht krankheitsbedingten Verdauungsbeschwerden als günstig erwiesen:

  • Verzichten Sie auf schwer verdauliche Speisen. Meiden Sie zu große Mengen blähender Nahrungsmittel wie Zwiebeln, Kohl, Lauch, Hülsenfrüchte (Erbsen, Bohnen, Linsen), unreifes Obst, Nüsse, Rosinen, sehr frisches Brot, grobes Vollkornbrot, Kaffee, Schokolade, Eiskaltes oder Fettgebackenes. Bevorzugen Sie fettarme Nahrungsmittel wie Obst, Gemüse, Getreide und Getreideprodukte und verwenden Sie fettarme Fleisch-, Wurst- und Käsesorten.
  • Meiden Sie kohlensäurehaltige und zu süße Getränke.
  • Garen Sie Ihre Mahlzeiten mit fettarmen Verfahren: Dünsten mit Wasser, im Schnellkochtopf oder im Bratschlauch.
  • Mehrere kleine, über den Tag verteilte Mahlzeiten sind besser als drei große. Lassen Sie sich Zeit beim Essen und kauen Sie alles gründlich durch.
  • Bewegen Sie sich viel, und treiben Sie öfter Sport, das bringt den Darm auf Trab. Auch ein kleiner Verdauungsspaziergang kann schon sehr hilfreich sein.
  • Bei akuten Beschwerden können Hausmittel wie etwa die Wärmflasche, kreisförmige Bauchmassagen sowie Heilpflanzen wie Kümmel oder Kamille Linderung verschaffen.
  • Verzichten Sie auf Alkohol und Zigaretten. Beides kann die Beschwerden verstärken.

Unterstützung der Darmökologie

Zur Unterstützung der Darmökologie empfehle ich gerne freundliche Darmbakterien, die Probiotika (z.B. Laktobazillen, Bifidobakterien). Da aber auch gute Bakterien zu einer Überbesiedelung (Overgrowth Syndrom) und somit zu heftigen Beschwerden führen können, sollte vorher unbedingt eine Stuhlanalyse durchgeführt werden.

Nahrungsergänzungen und Entgiftung

Wenn die Immunabwehr der Darmschleimhaut geschwächt ist, was man durch einen niedrigen sekretorischen IgA-Wert (sIgA) ermitteln kann, sollten u.a. Nährstoffe wie Glutamin und auch Vitamine und Mineralstoffe eingenommen werden. Auch Entgiftungstherapien können hilfreich sein.

Über den Autor

Der Umweltmediziner Klaus-Dietrich Runow, Jahrgang 1955, behandelt seit über 25 Jahren Patienten mit Allergien und ausgeprägten Überempfindlichkeitsreaktionen auf Chemikalien. Mit seinem 1989 erbauten, ersten Institut für Umweltkrankheiten (IFU) ist er einer der Pioniere der Umweltmedizin in Deutschland. 2006 erhielt er für seine Arbeit als Umweltmediziner den renommierten B.A.U.M.-Umweltpreis. Seit 2009 praktizieren Runow und sein Team in der nordhessischen Fachwerkstadt Wolfhagen.

Klaus-Dietrich Runow,
Ärztlicher Leiter
Institut für Umweltmedizin (IFU) -Diagnostic Center
Buttlarstr. 4A
D-34466 WOLFHAGEN
Tel:  05692-997790
Fax: 05692-9977922
k.runow@ifu-wolfhagen.de
http://www.umweltmedizin.org/

Die Bilder stammen aus dem eigenen Archiv oder wurden von Fotolia.com erworben.

Über die Künstlerin

*Frau Dr. Hilly Kessler ist Frauenärztin in Luxemburg und international bekannte Künstlerin. Ihre Frauenportraits machen betroffen und nachdenklich. Für dieses Webmagazin hat Frau Dr. Kessler mir ihre Bilder zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

http://www.hillykessler.com

Und was für Erfahrungen haben Sie mit Ihrem Darm gemacht? Haben Ihnen spezielle Diäten geholfen? Wurden Sie von Ihren Ärzten schon auf den Zusammenhang zwischen Ihrer Erkrankung und dem Darm hingewiesen und entsprechend behandelt? Schreiben sie doch einen Kommentar!

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