Im Zustand der vollkommenen Entspannung können unbewusste innere Bilder wahrgenommen werden, mit denen sich die inneren Heilkräfte unterstützen lassen.

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Das Wort Imagination wird als die Fähigkeit bezeichnet, sich Bilder im Geiste zu entwickeln und wird synonym zum Begriff ‚Einbildungskraft‘ gebraucht. In vielen alten Heilkulturen wurde die Kraft der inneren Bilder seit jeher angewendet. Schamanen zum Beispiel setzen sie bei ihren Heilritualen seit etwa 30 000 Jahren ein. Während der sogen. ‚schamanischen Reise‘ geleiten sie mit Hilfe monotoner Trommelrhythmen hinaus aus der alltäglichen Wirklichkeit und hinein in eine imaginäre Welt, in eine Trance. In diesem veränderten Bewusstseinszustand zeigen sich dem Schamanen die Ursachen der Erkrankungen in Bildern. Mit der Unterstützung der in der Trance angerufenen geistigen Helfer werden dann die Leiden der Klienten gelöst. Am Ende dieser Reise wird ein Bild der neuen, gesunden Lebenskraft entwickelt.

Paracelsus, der schweizerische Arzt, Philosoph und Mystiker, lehrte Anfang des 16. Jahrhunderts, dass der Mensch über eine sichtbare und unsichtbare ‚Werkstatt‘ verfüge, um zu heilen. Die sichtbare Werkstatt sei der Körper, die unsichtbare die Imagination. Letztere diene der Seele als Sonne. Paracelsus erhob die Imagination als Mittler zwischen Denken und Sein und sah in ihr ein wichtiges Element im Heilungsprozess.

Wahrnehmung innerer Bilder

Täglich machen wir die Erfahrung, dass wir nicht nur im Außen Bilder sehen können, sondern auch die Fähigkeit haben, innere Bilder in Form von Personen, Gegenständen oder Situationen zu visualisieren. Spitzensportler machen sich das zunutze, indem sie sich den optimalen Ablauf ihrer Bewegungen im Vorfeld immer wieder bildlich vorstellen. Im Zustand der vollkommenen Entspannung ist es möglich, auf eine so tiefe Ebene zu gelangen, dass auch unbewusste innere Bilder wahrgenommen werden können. Auf dieser tieferen Ebene lassen sich die inneren Heilkräfte wirkungsvoll unterstützen.

Im Rahmen meiner medizinischen Ausbildung erfuhr ich von den therapeutischen und gestalterischen Möglichkeiten der Imagination wenig. Nach dem Studium absolvierte ich parallel zu meiner Facharztausbildung die Ausbildung in der von dem Neurologen und Psychiater Viktor Frankl entwickelten Logotherapie und Existenzanalyse, auch sinnzentrierte Psychotherapie genannt. Frankl führt in seinen Schriften aus, dass es die geistige Dimension ist, die uns letztlich zum Menschen macht, unabhängig von Körper und Seele.

Mit der Imagination besitzen wir laut Frankl die Fähigkeit, über das Denken hinaus den Raum des tiefsten Selbst zu erreichen. Diesen Raum des geistig Unbewussten sah er als einen Ort des Urvertrauens, der Intuition, der Spiritualität, der Freiheit, der Liebe und der Selbstheilungskräfte, als einen Ort, an dem die kreative Heilung der ungelösten Konflikte und Probleme des Menschen geschehen kann. So lernte ich die Arbeit mit inneren Bildern kennen.

Heilende Kraft innerer Bilder

Anfang der 1990er Jahre fand das Buch ‚Wieder gesund werden‘ des US-Amerikaners O. Carl Simonton zu mir. Es handelt von der heilenden Kraft innerer Bilder bei Krebs. Fasziniert las ich die Berichte über schwer krebskranke Menschen mit schlechter Prognose, die durch die Methode von Simonton ihre Selbstheilungskräfte aktivieren konnten und gesundeten. Simonton war Radiologe, Strahlentherapeut und ein Pionier der Psycho-Onkologie. Mehr als 30 Jahre lang begleitete er die Behandlung von Krebspatienten.

Inspiriert wurde Simonton unter anderem durch die in den 1960er Jahren entwickelte Silva-Mind-Methode des US-amerikanischen Parapsychologen José Silva. In den 1960er Jahren veröffentlichte Silva ein spezielles Lernprogramm, mit dem man innerhalb 20 Tagen lernen kann, sich in kurzer Zeit in einen tieferen Bewusstseinszustand, den sogenannten Alpha-Zustand, zu versetzen. Je nach Wachheitsgrad und geistigem Zustand treten im Gehirn unterschiedliche elektrische Spannungen auf, die an der Oberfläche des Kopfes mittels eines Elektroenzephalogramms, kurz EEG genannt, gemessen werden können. Die Alphawellen liegen bei einer Frequenz von 7 bis 13 Hertz und öffnen den Weg zur Aktivierung der inneren Heilkräfte.

Raus aus der Opferrolle

Mit Hilfe der Imagination können Patienten ihre passive Opferrolle verlassen und selbstaktiv an der Gesundung mitwirken. Sie fühlen sich weniger ausgeliefert und abhängig von den konventionellen Therapien, was sich wiederum positiv auf das psychische Befinden auswirkt. Bei der therapeutischen Arbeit lässt sich zwischen der Imagination des Weges und der Imagination des Ziels unterscheiden. Bei ersterer dient der momentane, kranke Zustand des Gewebes als Ausgangspunkt und wird mit heilsamen Bildern moduliert. Bei der Imagination des Ziels dagegen stellt man sich das Gewebe unmittelbar als mit Heilenergie genährt oder gesund vor. Die beiden Methoden lassen sich gut miteinander kombinieren.

Der US-amerikanische Arzt Andrew Weil führt in seinem 1997 veröffentlichten Buch ‚Heilung aus eigener Kraft‘ aus, dass das geistige Auge einer der wichtigsten Kanäle für die Kommunikation zwischen Körper und Geist ist. Die Sehrinde im hinteren Teil des Kopfes verarbeitet die Informationen, die über die Augen eintreffen. In dem Moment, in dem wir uns nach innen wenden und nicht mehr mit den Augen die Außenwelt anschauen, ist die Sehrinde in der Lage, Geist und Seele über das autonome Nervensystem miteinander zu verbinden. Auf diesem Wege soll sie auch Spontanheilungen auslösen können. Andrew Weil empfiehlt, während des Tages regelmäßig nach innen zu schauen und daran zu arbeiten, dass die inneren Bilder nach und nach schärfer, farblich leuchtender und exakter im Detail werden.

Beim Visualisieren, Speichern und Abrufen von inneren Bildern spielen Gefühle eine Schlüsselrolle. Sind innere Bilder mit starken Gefühlen gekoppelt, sind sie besonders wirkungsvoll. Mit Fragen wie „Was fasziniert Sie? Welche Bilder lösen bei Ihnen starke Gefühle aus?“ erfährt der Therapeut, welche Vorstellungen für den Patienten gefühlsmäßig so intensiv sind, dass sie die Funktionen des Körpers beeinflussen können.

Angeregt durch Frankl, Simonton und Weil vermittle ich meinen Patienten bei der einen oder anderen Erkrankung, wie sie mit der Kraft der inneren Bilder den Heilungsverlauf selbstwirksam unterstützen können.

So behandele ich Warzen

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Bei der Behandlung von Warzen zum Beispiel wecke ich zunächst das Bewusstsein dafür, dass jeder Mensch über starke innere Heilkräfte verfügt, die angesprochen werden können. Die Patienten erhalten sodann die Aufgabe, sich im entspannten Zustand, am besten vor dem Einschlafen, innerlich den Warzen zuzuwenden und sie mit geschlossenen Augen zu sehen. Auf ihre ganz individuelle Art gehen sie dann mit den Warzen in Interaktion. Kinder zücken bei dieser Gelegenheit gerne ein imaginäres Schwert oder einen Zauberstab. Danach stellen sie sich vor, wie ihre starken Abwehrzellen die Warzen umzingeln und vernichten, bis die Haut wieder vollkommen heil ist. Unterstützt wird dies durch wöchentliche Besuche in der Praxis, bei denen die Warzen mit einem ‚Zauberwasser‘, bestehend aus flüssigem Stickstoff, vereist werden. Vielen meiner kleinen und großen Patienten hilft das.

Das hilft bei Herzkrankheit

Wie herzkranke Patienten mit Hilfe emotional positiv besetzter, innerer Bilder ihr Herz in den heilenden Zustand der Kohärenz bringen können, beschreibt der Wissenschaftler und Arzt David Servan-Schreiber in seinem Buch ‚Die neue Medizin der Emotionen‘. Der Herzpatient versetzt sich zunächst mit bewussten, tiefen Atemzügen in die Entspannung, sodann fokussiert er seine Herzgegend und atmet quasi durch das Herz. Im dritten Schritt konzentriert er sich auf das Empfinden von Wärme und Ausdehnung in seiner Brust, öffnet sich für ein Gefühl der Dankbarkeit und lässt auch dieses Gefühl sich ausbreiten. Innere Bilder von erlebten freudvollen Momenten unterstützen diesen Prozess. Nach und nach spürt der Patient ein inneres Lächeln und erreicht den Zustand der Kohärenz.

Die Psychoneuroimmunologie bestätigt die Schamanen

Zunehmend beschäftigt sich die Hirnforschung mit solchen Themen. Speziell die Psychoneuroimmunologie erforscht das Zusammenspiel von Botenstoffen, Nervensystem und Immunsystem. Sie bestätigt die jahrtausendealte Weisheit, dass Körper und Seele eine Einheit sind und dass innere Bilder positive Auswirkungen auf die körperlichen Systeme haben können. Aus der Hirnforschung wissen wir heute, dass das Gehirn nicht zwischen der Wahrnehmung realer oder lediglich vorgestellter Handlungen unterscheidet. In beiden Fällen sind die gleichen Hirnareale aktiv. Sich etwas vorzustellen, kann also die gleiche Kraft und Wirkung haben wie die reale Tat!

Länger leben durch positive innere Bilder

Werfen wir noch einen Blick auf eine Studie, die Anfang 2000 veröffentlicht wurde. Die US-amerikanische Psychologin Becca Levy von der Yale Universität hatte über einige Jahre die Einstellung von Senioren gegenüber ihrem Alter und die Auswirkungen auf ihre Lebenserwartung untersucht. Die Studie zeigte ein überraschend deutliches und motivierendes Ergebnis. Senioren mit positiven inneren Bildern vom eigenen Altern lebten mehr als sieben Jahre länger als die Pessimisten unter ihnen – und dies unabhängig von ihrem Wohlstand, ihren sozialen Kontakten und ihrem Gesundheitszustand.

Und der Neurobiologe Gerald Hüther verkündet die frohe Botschaft, dass gemäß der Hirnforschung der Mensch zeitlebens in der Lage ist, neue Nutzungsmuster im Gehirn anzulegen, neue innere Bilder aufzunehmen und die alten zu verändern. Lassen Sie also Ihrer Fantasie und Ihrer Kreativität freien Lauf und malen Sie sich mit allen Sinnen aus, wie Sie bis ins hohe Alter vergnügt und vital allerhand inspirierende und berührende Momente erleben, die Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Eine praktische Anwendung:

Figur im Garten der Naturheilpraxis Dreyer in Bingen

Setzen Sie sich an einen ruhigen Ort und schauen Sie sich um. Suchen Sie sich einen Gegenstand aus, der Ihnen gefällt und den Sie nun ganz genau betrachten. Versuchen Sie, so viele Details, so viele Qualitäten wie möglich wahrzunehmen. Nach einer Weile schließen Sie die Augen und nehmen ein paar tiefe Atemzüge. Stellen Sie sich das, was Sie gerade betrachtet haben, vor Ihrem inneren Auge vor. Die Farbe, die Form, die Struktur, vielleicht auch den Geruch und den Klang.

Wenn Sie das Sehen innerer Bilder regelmäßig üben, wird es Ihnen nach und nach immer besser gelingen. So wie Gegenstände können Sie auch schöne Landschaften oder freudvolle Momente visualisieren.

Literatur und Quellen zum Weiterlesen:

José Silva: Der Heiler in dir. Techniken und Übungen, sich selbst und andere zu heilen (1990): ders.: Der Silva-Mind Schlüssel zum inneren Helfer (2017);

O. Carl Simonton, Stephanie Matthews Simonton, James Creighton: Wieder gesund werden. Eine Anleitung zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte für Krebspatienten und ihre Angehörigen (2001);

Osho: Kreativität (2004);

Mirsakarim Norbekov: Eselsweisheit, Der Schlüssel zum Durchblick (2006);

David Servan-Schreiber: Die Neue Medizin der Emotionen. Stress, Angst, Depression: Gesund werden ohne Medikamente (2006);

Ellen Langer: Die Uhr zurückdrehen? Gesund alt werden durch die heilsame Wirkung der Aufmerksamkeit (2011).

Ein Lied zum Hören:

John Lennon: Imagine (1971).

Zur Autorin:

Dr. med. Antje Göttert ist niedergelassene Hautärztin in Wiesbaden. Sie praktiziert seit 1998 mit einem ganzheitsmedizinischen Ansatz. Bei der Behandlung steht der Mensch in seiner Einzigartigkeit im Mittelpunkt.

Kontakt:

Dr. med. Antje Göttert
Langgasse 36
65183 Wiesbaden
mail: goettert-antje@t-online.de

Dieser Artikel beruht auf einem Auszug aus dem Buch ‚Das Logbuch der Hundertjährigen‘, erschienen im Sheema-Verlag 2020.

Kommentar der Redaktion

Seit vielen Monaten machen wir alle schwere Zeiten durch: zunächst die Angst vor einer eigenen schweren Erkrankung, die Angst; liebe Menschen aus der Familie oder dem Freundeskreis zu verlieren, das Gefühl, einem Unheil hilflos ausgeliefert zu sein. Medizin, Presse und Politik versprechen uns schon eine ganze Weile, dass uns eine sogen. Impfung schützen kann. Dabei wird leider zu oft vergessen, dass wir seit der Geburt ein gut funktionierendes Immunsystem haben. Bereits im letzten Jahr erfuhren Sie in verschiedenen Artikeln, wie Sie dieses Immunsystem durch Ihren Lebensstil und Nahrungsergänzungen stärken können.

Aber Sie können noch viel mehr: Sie können durch Ihre Vorstellungskraft, die Imagination, Bewusstseinszustände auslösen, die alle Ihre Zellen auf Heilung, auf Freude, programmieren. Statt in Schockstarre auf die bedrohliche Außenwelt zu blicken, können Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen richten und mit Hilfe der inneren Bilder Freude, Frieden und Heilung erfahren. Dass es sich dabei nicht um Woodoo handelt, wird täglich von der modernen Hirnforschung bestätigt.

Das Logbuch der Hundertjährigen: Wissenswertes von A-Z für ein vitales und vergnügtes Leben

von Dr. med. Antje Göttert

Ich bin sehr dankbar, dass ich die Autorin des Buches, Antje Göttert, kennenlernen durfte und mich jetzt mit ihr in regelmäßigem Austausch befinde. Es ist überwältigend, wie viele ganzheitliche, umweltmedizinische und spirituelle Methoden die Autorin im In- und Ausland bei den Koryphäen der Fachbereiche erlernt hat. Entsprechend umfangreich ist dieses Buch mit seinen 500 Seiten. Aber lassen Sie sich nicht davon abschrecken. Die Einteilung der Kapitel von A-Z sind ideal, denn so kann man in Ruhe von
A wie Atmung über
G wie Glaube-Hoffnung-Liebe und
O wie Osteopathie und
T wie Toxine und Strahlung bis zu
Z wie Zähne
beliebige Kapitel aussuchen und eingehend lesen. Die Sprache der Ärztin ist sehr gut für Laien verständlich, für Fortgeschrittene gibt es Sachregister und Literaturquellen. Am Ende der jeweiligen Kapitel steht eine kurze Zusammenfassung.
Verschenken Sie großzügig dieses Buch, ich kenne niemanden, der nicht begeistert davon gewesen wäre!

Wenn Sie eigene Erfahrungen mit diesem Buch oder mit der Imagination haben, schreiben Sie doch einen Kommentar!

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