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Burnout: die Epidemie, vor der Sie sich schützen können

Von | 2. Juni 2010 – 14:24 14.294 AufrufeDrucken
© d-jukic - Fotolia.com

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In meinem Artikel zum Muttertag hatte ich Sie bereits kurz auf die Problematik des Burn-out, des Ausgebranntseins, hingewiesen und auf einen Spezialisten, der sich seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt.  Ihn konnte ich gewinnen, für Sie in kurzer Form eine Übersicht zu schreiben, damit Sie persönlich entscheiden können, ob Sie oder eine(r) Ihrer Lieben davon betroffen sein könnten. Es ist Herr Dr. Volker Schmiedel, Chefarzt der Habichtswaldklinik in Kassel. Dort können Patienten mit Burnout ganzheitlich behandelt werden, ja sie können sogar unter drei verschiedenen Wegen auswählen: die Psychosomatik mit dem Schwerpunkt psychische Aspekte, die Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Suche und Behandlung von organischen Ursachen des Burnout und schließlich die Ayurveda-Abteilung, die eine natürliche „konstitutionelle Behandlung“ (Ausgleich von Dosha-Ungleichgewichten) anbietet, was bei Burnout auch sehr hilfreich sein kann. Diese Behandlungspfade sind weitgehend unabhängig voneinander. Sie müssen sich vorher entscheiden, am besten nach Rücksprache mit Ihrem Hausarzt oder der Klinik.

Was ist eigentlich Burnout?

Von Dr. Volker Schmiedel

Der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger beschrieb erstmals 1974 den Begriff Burnout: „Was wir aufbauen, sind unsere Talente und Fähigkeiten, was wir aufbringen, sind Überstunden für ein Minimum an finanziellem Ausgleich. Wir arbeiten zu viel, zu lange und zu intensiv. Wir fühlen einen inneren Druck zu arbeiten und zu helfen, und wir fühlen einen Druck von außen zu geben … Aber genau wegen dieses Engagements tappen wir in die Burnout-Falle“.

Burnout ist also eine sehr moderne Krankheit – was nicht heißt, dass es sich um eine Modekrankheit handelt wie Kritiker mitunter behaupten.

Was sagen Betroffene?

© olly - Fotolia.com

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„Arbeiten, die ich früher mit links erledigt habe, kriege ich nicht mehr gebacken.“

„Nach jeder Beschäftigung – auch nach leichten körperlichen Belastungen – fühle ich mich wie ausgelaugt.“

„Ich habe überhaupt keine Energie mehr, Verabredungen mit meinen Freunden zu treffen – es ist mir einfach alles zu viel.“

Dies sind exemplarische Aussagen, wie sie oft von Betroffenen zu hören sind, die bereits einige Aspekte des Burnout treffend beschreiben.

Burnout stammt aus dem Englischen (to burn out = ausbrennen) und kennzeichnet einen Zustand deutlicher physischer, psychischer und/oder emotionaler Erschöpfung, der nicht nur vorübergehend nach einer entsprechenden Belastung auftritt. Da es sich um ein Syndrom handelt, liegen meist mehrere verschiedene Symptome vor, die sehr vom betroffenen Individuum, dem Stadium und dem Ausmaß der Erkrankung abhängen können.

Leider gibt es keine einheitliche und allgemein anerkannte Definition des Burnout. Trotz der Symptomenbeschreibung des Burnoutsyndroms fällt es nicht immer leicht zu entscheiden, ob bei einem Menschen eine „normale“ adäquate Erschöpfung, ein „echtes“ Burnoutsyndrom oder gar eine andere Krankheit vorliegt. Richard Bolles beschrieb dieses Dilemma treffend wie folgt: „Burnout ist wie Pornographie – ich bin nicht sicher, ob ich es definieren kann, aber wenn ich es sehe, weiß ich, was es ist.“

Schauen wir uns doch einmal einige Definitionen namhafter Burnoutforscher an:

Burnout ist…

stress

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…“ein Syndrom emotionaler Erschöpfung, Depersonalisation und persönlicher Leistungseinbußen, das bei Individuen auftreten kann, die in irgendeiner Art mit Menschen arbeiten. Es ist eine Reaktion auf die chronische emotionale Belastung, sich andauernd mit Menschen zu beschäftigen, besonders, wenn diese in Not sind oder Probleme haben.“

(Christina Maslach)

…“ein Zustand physischer, emotionaler und mentaler Erschöpfung aufgrund lang anhaltender Einbindung in emotional belastende Situationen.“ (Pines & Aronson)

…“ein Zustand der Ermüdung oder Frustration, herbeigeführt durch eine Suche, einen Lebensstil oder eine Beziehung, die nicht die erwartete Belohnung mit sich brachte.“ (Freudenberger & Richelson)

… „ein fortschreitender Abbau von Idealismus, Energie, Zielstrebigkeit und Anteilnahme als Resultat der Arbeitsbedingungen.“ (Edelwich & Brodsky)

…“eine Erosion der Werte, der Würde, des Geistes und des Willens – eine Erosion der menschlichen Seele. Es ist ein Leiden, das sich schrittweise und ständig ausbreitet und Menschen in eine Abwärtsspirale zieht, aus der das Entkommen schwer ist.“ (Maslach & Leiter)

All diese Definitionen spiegeln einige Aspekte des Burnout sehr treffend wieder. Keine beschreibt aber für sich allein Burnout eindeutig und umfassend. Das Problem beim Burnout: es gibt kein 100%ig verlässliches Messinstrument, welches alle Menschen mit Burnout sicher herausfischt, aber alle nicht von Burnout Betroffenen, die eine andere Krankheit oder Störung aufweisen, im Meer der diagnostischen Unsicherheit weiter schwimmen lässt. Es wäre so schön, gäbe es einen Laborwert oder eine technische Untersuchungsmethode, die ganz klar zwischen Burnout und Nicht-Burnout zu trennen vermag. Genau das steht uns aber leider nicht zur Verfügung.

© fred goldstein - Fotolia.com

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Burnout ist objektiv praktisch nicht messbar. Burnout ist also extrem auf die Subjektivität angewiesen – auf die subjektiven Beschreibungen des Betroffenen und auf die ebenfalls subjektiven Beobachtungen des Therapeuten. Fehler sind damit praktisch vorprogrammiert.

Am „objektivsten“ sind noch Fragebögen, von denen der Bekannteste der MBI (Maslach Burnout Inventory) ist, der sich im Praxisalltag allerdings auch nicht durchgesetzt hat, aber bei den meisten wissenschaftlichen Studien zum Burnout eingesetzt wird. Hier finden  Sie einen eigenen Fragebogen, der viele Burnoutsymptome beinhaltet und anhand dessen Sie selbst beurteilen können, ob ein Burnout vorliegt und wie ausgeprägt dieser ist.

An dieser Stelle möchte ich es wagen, Ihnen meine eigene Definition vorzustellen und zu erläutern. Nach dem Lesen der Erläuterungen hierzu wissen Sie vielleicht immer noch nicht exakt, was Burnout ist, Sie werden es aber erahnen können.

„Burnout ist eine Form des Protestes gegen ein Ungleichgewicht im Organismus.“

Lassen Sie mich diese Definition aufdröseln:

Lesen Sie bitte den Satz noch einmal, aber betonen Sie dabei das Wort „eine“. Dann fällt auf, dass es möglicherweise mehrere unterschiedliche Formen des Protestes gibt. Eine andere Möglichkeit wäre etwa die Entwicklung eines Magengeschwüres, einer rheumatischen Erkrankung oder eines Herzinfarktes. Wenn Sie wählen dürften, auf welche Art und Weise Ihr Organismus Ihnen sagen will, dass etwas nicht stimmt, für welche Krankheit würden Sie sich entscheiden?

Ich möchte Burnout jetzt keineswegs verharmlosen. Es handelt sich um eine bedeutsame und in seiner schweren Ausprägung sogar um eine schlimme Krankheit, die den Einzelnen in die totale Verzweiflung treiben kann. Aber sie hat gegenüber anderen schweren chronischen Krankheiten doch einige Vorteile. Sie verläuft in der Regel schleichend (das ist nicht nur ein Vorteil, da der Betroffene sie dadurch lange Zeit verkennt), was die Chance bietet, sie rechtzeitig erkennen und behandeln zu können, bevor sie ein wirklich bedrohliches Stadium erreicht hat. Sie ist auch nicht lebensbedrohlich (wenn sie nicht zu einer so starken Depression führt, dass der Betroffene einen Selbstmord erwägt).

Es mag jetzt vielleicht etwas befremdlich klingen, aber sollten wir dem, sollten wir unserem Burnout nicht sogar etwas dankbar sein, dass er uns mit seinen lästigen, unangenehmen, aber noch nicht gefährlichen Symptomen darauf hinweist, dass etwas in unserem Leben nicht stimmt? Der Patient, der durch Stress und zu viel Arbeit einen Bluthochdruck entwickelt hat (der leider nicht weh tut und darum keinen Leidensdruck verursacht), in der Folge ohne Vorwarnung einen Schlaganfall erlitten hat und nun sein Leben im Rollstuhl fristet, wäre froh, „nur“ einen Burnout gehabt zu haben, gegen den er rechtzeitig etwas hätte tun können. Seien Sie Ihrem Organismus also dankbar, dass er gerade diese Form des Protestes gewählt hat – es hätte auch noch schlimmer kommen können!

Burnout verläuft schleichend – wir können ihn rechtzeitig erkennen und gegensteuern.

Burnout ist äußerst unangenehm – jedoch nicht lebensbedrohlich.

Burnout verursacht viele Symptome – aber alle sind vollständig reversibel.

Betrachten wir uns den „Protest“. Ein Protest ist immer ein Aufbegehren, ein Wehren gegen ein als ungerecht empfundenes Vorgehen. Haben Sie sich schon einmal überlegt, dass Ihr Organismus sich gegen Ihr Verhalten, Ihre Einstellungen, Ihre Lebensweise wehrt und Ihnen mitteilen möchte, dass er mit dem, was Sie tun oder wie Sie es tun, nicht ganz einverstanden ist? Die Symptome, die er entwickelt, sind Ausdruck dieses Protestes, zunächst noch ganz milde, aber wenn Sie auf ihn nicht hören wollen, auch deutlicher, zuletzt sogar quälend. Ihr Organismus kommuniziert mit Ihnen – hören Sie ihm zu, dann nehmen Sie dem Protest den Wind aus den Segeln.

© Volker Schmiedel

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Fühlen Sie sich auch manchmal so? Geschuftet wie ein Kamel und dann ganz platt?

Ihr Organismus wehrt sich gegen ein „Ungleichgewicht“. Eigentlich ist die Ursache jeder Erkrankung ein Ungleichgewicht. Bei einer Infektion waren die Abwehrzellen des Immunsystems (zumindest zu Beginn der Infektion) den Krankheitserregern unterlegen. Bei einem Bluthochdruck herrscht eine Dysbalance zwischen den Faktoren, die die Gefäße verengen, und denen, die sie erweitern. Es gilt bei jeder Erkrankung, die Art des Ungleichgewichtes zu erkennen und – wenn irgend möglich – wieder ein harmonisches Gleichgewicht herzustellen. Die Art des Ungleichgewichtes kann beim Burnout vielfältiger Natur sein. Wir können mehr Stress ausgesetzt sein, als wir verkraften können. Unsere Anspannungs- und Entspannungsphasen stehen in keinem adäquaten Verhältnis zueinander. Wir verfügen über weniger Nährstoffe als wir für unseren Energiestoffwechsel benötigen. Wir nehmen mehr Genussmittel zu uns als uns gut tut. Dies sind nur einige Beispiele. Gelingt es uns, das gestörte Ungleichgewicht (nicht selten gibt es auf mehreren Ebenen gleichzeitig ein solches Ungleichgewicht) wiederherzustellen, dann haben wir eine gute Chance, dass unser Organismus nicht mehr protestieren muss.

Ich habe in diesem Abschnitt stets das Wort „Organismus“ verwendet. Ich hätte auch „Körper“ schreiben können, aber was ich meine, geht weit über den Körper hinaus. Natürlich kann unser Organismus beim Burnout auch körperliche Symptome entwickeln wie etwa Rückenschmerzen oder Herzbeschwerden. Genauso treten aber auch geistige Symptome auf wie etwa mangelnde Konzentrationsfähigkeit oder die nachlassende Fähigkeit, geistig anspruchsvollen Aufgaben gerecht zu werden. Und schließlich meldet sich auch die Seele zu Wort, wenn einerseits aggressive Schuldzuweisungen gemacht werden oder andererseits eine resignative Depression auftritt. Mit Organismus ist die Gesamtheit unserer Strukturen und Funktionen gemeint, also Körper, Geist und Seele.

Cover_Schmiedel_burnoutZum Schluss möchte ich die Bedeutung „Ihres“ Organismus betonen. Es sind „Ihre“ Symptome, unter denen Sie leiden. Es ist „Ihr“ Organismus, der Ihnen etwas sagen will. Und es ist  „Ihr“ persönlicher Burnout. Die Symptomatik vieler Betroffener ähnelt sich. Burnoutpatienten haben Gemeinsamkeiten, die Burnout erst ermöglichen. Aber kein Burnout gleicht dem anderen wie ein Ei dem anderen. „Ihr“ Burnout bedeutet, dass er Ihnen möglicherweise etwas ganz anderes sagen möchte als der Burnout Ihres Arbeitskollegen demselben. „Ihr“ Burnout bedeutet auch, dass Sie bzw. Ihr Organismus ihn entwickelt hat und dass Sie dafür verantwortlich sind (nicht zu verwechseln mit Schuld!). Und es liegt auch in „Ihrer“ Macht, Burnout zu heilen oder erträglich zu machen.

Ärzte, Psychologen oder auch Burnout-Ratgeber wie dieser können Ihnen nur Wegweiser aufstellen, wohin die Reise zu einem besseren Wohlbefinden gehen mag. Ob der einzuschlagende Weg ein Erfolg versprechender ist oder ob Sie diesen überhaupt gehen möchten, entscheidet niemand anderes als Sie selbst!

Ich habe diese Absätze nicht geschrieben, um Burnout zu verharmlosen, sondern um Ihnen andere Perspektiven aufzuzeigen. Sie können sich dieser Sichtweise anschließen oder zu einer ganz anderen Bewertung gelangen. Dann haben Sie aber Ihre Gründe dafür. In jedem Fall haben Sie ein Problem von anderer Seite betrachtet. Vielleicht bekommen Sie auch eine andere Einstellung zu „Ihrem Burnout“, können ihn akzeptieren, sich mit ihm anfreunden oder zumindest einen Waffenstillstand mit ihm schließen. Vielleicht betrachten Sie ihn nicht mehr als Ihren Feind, den es unter allen Umständen zu vernichten gilt, sondern als einen Teil Ihrer selbst, der zu Ihnen gehört und nicht nur etwas Schlechtes darstellt.

Burnout ist nicht so spektakulär wie die Schweinegrippe. Die Zeitungen sind nicht voll davon, niemand stirbt daran und doch handelt es sich um eine „Infektion“, die schleichend, aber epidemieartig die Gesellschaft infiltriert.

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit

Dr. Volker Schmiedel

klein2Dr. Schmiedel leitet seit 1996 die Innere Abteilung der Habichtswaldklinik in Kassel- Wilhelmshöhe. Zuvor hat er in verschiedenen Praxen, schulmedizinischen und naturheilkundlich ausgerichteten Kliniken Erfahrungen sammeln können. Er ist FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin und trägt die Zusatzbezeichnungen in Naturheilverfahren und Homöopathie. Er ist Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand) und als Beirat und Referent für medizinische Fachorganisationen tätig. Neben wissenschaftlichen Publikationen hat Herr Dr. Schmiedel zahlreiche Bücher für Laien geschrieben, bspw. über Cholesterin, Zuckerkrankheit oder die Verdauung.

Dr. Volker Schmiedel

Chefarzt der Inneren Abteilung

Habichtswaldklinik

Wigandstr. 1

34131 Kassel

Tel. 0561-3108-101

FAX. 0561-3108-104

e-mail: schmiedel@habichtswaldklinik.de

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