Hier erfahren Sie, wie Sie trotz Diabetes ein gesundes Baby bekommen können.

baby.jpgDiabetes, die Zuckerkrankheit, entwickelt sich immer mehr zur Volkskrankheit Nummer 1. Dem Deutschen Gesundheitssurvey 2012 zufolge leidet rund 9,3 % der Bevölkerung an der schwerwiegenden Erkrankung, davon fast jeder Vierte, ohne es zu wissen. Am stärksten vertreten ist dabei der Typ-2-Diabetes, an dem 90 % der Betroffenen erkrankt sind.

Für Diabetikerinnen mit Kinderwunsch stellt sich die Frage, was sie wissen müssen, um eine möglichst komplikationsfreie Schwangerschaft und Geburt erleben zu können. Nicht umsonst lag die Sterblichkeitsrate der Säuglinge noch vor wenigen Jahrzehnten – verglichen mit normalen Geburten – extrem hoch. Aber keine Sorge: meine Erfahrungen zeigen, dass gerade Frauen mit Diabetes sich sehr diszipliniert mit ihrer Erkrankung auseinandersetzen. Sie haben große Chancen, mit nur geringen Anpassungen ihres Lebensstils eine erfüllte Schwangerschaft zu erleben und ein gesundes Baby zu bekommen.

Diabetes – ein Überblick

Diabetes mellitus, auch als Typ-2-Diabetes bekannt, ist eine Störung des Zuckerstoffwechsels. Bei einem gesunden Menschen spaltet der Magen-Darm-Trakt die in Kohlehydraten enthaltenen Zuckermoleküle auf, so dass sie durch das Blut aufgenommen werden können. Dies ruft die Bauchspeicheldrüse auf den Plan, die daraufhin das Hormon Insulin abgibt. Es sorgt dafür, dass der Blutzucker zu den Körperzellen transportiert werden kann. Funktioniert jedoch die Insulinproduktion nicht oder nicht ausreichend, wie es bei Diabetes der Fall ist, wird der Zucker schließlich im Rahmen der Verdauung wieder ausgeschieden und gelangt nicht zu den Zellen. Die aufgenommene Energie kommt also nicht dort an, wo sie benötigt wird.

Dasselbe Problem liegt beim Typ-1-Diabetes vor. Ursachen sind hier aber nicht wie bei der Typ-2-Form Übergewicht, eine falsche Ernährung und eine zu geringe körperliche Aktivität, sondern vielmehr ein Immunprozess, der die Langerhanszellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Die Insulinproduktion wird dadurch unmöglich.

Bei vielen Betroffenen bleibt die Erkrankung lange Zeit unentdeckt, wodurch über die Jahre hinweg bereits schwere Schäden an den inneren Organen entstehen können. Offensichtlich wird die Erkrankung häufig erst, wenn deutliche Symptome auftreten, beispielsweise:

  • sehr starker Durst,
  • große Harnmengen,
  • eine unverständliche Gewichtsreduzierung oder
  • eine starke Infektanfälligkeit.

Im Gegensatz zu früher haben es Diabetiker im Alltag heute deutlich leichter. Die umfassende Beratung und umfangreiche Informationen im Web wie beispielsweise auf zuckerkrank.de unterstützen sie dabei, ihr Leben besser zu bewältigen. Sie erfahren hier, welche Hilfe Sie in Anspruch nehmen können, wie Sie sich richtig ernähren und bewegen und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.

Beeinflussung der Fruchtbarkeit durch die Zuckerkrankheit

Einer Studie zufolge, die 2007 an der Queens University in Belfast durchgeführt wurde, ist davon auszugehen, dass sich eine ausgeprägte Diabetes-Erkrankung auf die Fruchtbarkeit von Männern auswirken kann. Bei den damals getesteten, erkrankten Männern wurde festgestellt, dass über die Hälfte der Spermien eine veränderte DNA aufwies und somit als beschädigt galt. Zudem ermittelten die Forscher, dass das Samenvolumen deutlich geringer war als bei den gesunden Studienteilnehmern.

Bei der Frau hingegen ist im Regelfall durch Diabetes keine negative Auswirkung auf die Fruchtbarkeit zu erwarten. Hat eine Diabetikerin Schwierigkeiten, schwanger zu werden, so liegt häufig eine zusätzliche Erkrankung vor, beispielsweise das Polyzystische Ovarsyndrom (PCO), das den weiblichen Zyklus stört und zur Unfruchtbarkeit führt. Mehr über diese Erkrankung, die Symptome und mögliche Behandlungswege kann in diesem Artikel nachgelesen werden.

Schwangerschaft trotz Zuckerkrankheit: ein Risiko?

Entscheidet sich eine Diabetikerin zu einer Schwangerschaft, so geht sie ein Risiko ein. Früher riet man betroffenen Frauen häufig vom Kinderwunsch ab, denn jeder zweite Säugling und jede dritte Mutter starben bei bzw. kurz nach der Geburt. Diese Ängste können Diabetikerinnen inzwischen allerdings weitgehend genommen werden. Dank einer engmaschigen Kontrolle und einer Zusammenarbeit mit den einbezogenen Fachärzten erleben die meisten Diabetikerinnen eine komplikationslose Schwangerschaft und bringen gesunde Kinder zur Welt.

Dennoch ist es für Diabetikerinnen nicht empfehlenswert, unbedarft an das Thema heranzugehen. Solche Schwangerschaften sollten geplant und richtig organisiert sein, um Komplikationen auszuschließen. Trotz aller Kontrollmechanismen handelt es sich um eine Risikoschwangerschaft; dessen sollte sich die werdende Mutter bewusst sein.

Abgeraten wird Diabetikerinnen mit Kinderwunsch lediglich dann von einer Schwangerschaft, wenn bereits innere Organe starke Spätschäden erlitten haben, die auch die Versorgung des Kindes beeinträchtigen könnten, beispielsweise schwere Herz- oder Nierenleiden. Inzwischen werden Schwangerschaften aber auch bei Spätschäden immer häufiger ermöglicht, indem während der Schwangerschaft eine sehr engmaschige Kontrolle der betroffenen Organe durchgeführt wird.

Planung vor der Schwangerschaft: Die richtigen Blutzuckerwerte erreichen

Pregnant woman with doctor

Blutentnahme © istock.com/pojoslaw

Essentiell für einen guten Verlauf der Schwangerschaft ist die richtige Einstellung der Blutzuckerwerte, die möglichst nahe an den Normalwerten liegen sollte. Dies bedeutet: zu dem Zeitpunkt, an dem die Schwangerschaft entsteht, sollte möglichst ein HbA1c-Wert von unter 7 % vorliegen, im Idealfall sogar unter 6,5 Prozent. Nach Möglichkeit sollten vor der Schwangerschaft mindestens drei Monate mit dieser Blutzucker-Einstellung gut verlaufen. Wichtig ist dies, weil die wichtigsten Organe des Kindes in den ersten Wochen der Schwangerschaft angelegt werden. Eine sehr gute Versorgung während dieser Zeit kann spätere Risiken für Fehlbildungen deutlich reduzieren.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfiehlt für den Zeitraum der Schwangerschaft folgende Blutzucker-Werte:

Messzeitpunktmg/dlmmol/l
Vor den Hauptmahlzeiten60 – 903,3 – 5,0
1 Stunde nach Beginn der Mahlzeit< 140< 7,7
2 Stunden nach Beginn der Mahlzeit< 120< 6,6
Vor dem Zubettgehen, ca. 22 Uhr90 – 1205,0 – 6,6
Nachts zwischen 2 und 4 Uhr> 60

Der HbA1C-Wert sollte während der Schwangerschaft alle vier bis sechs Wochen kontrolliert werden. Die Schwierigkeit besteht darin, dass aufgrund der Wirkung der Schwangerschaftshormone die Insulinempfindlichkeit abweichen kann. Dies macht die Einstellung schwierig. Bei einer straffen Einstellung droht besonders im ersten Schwangerschaftsdrittel die Gefahr der Unterzuckerung. Im zweiten Trimester geht man davon aus, dass zwischen 50 und 100 Prozent mehr Insulin gespritzt werden muss. Erst kurz vor der Geburt sinkt der Insulinbedarf dann wieder allmählich ab, bis er direkt nach der Geburt häufig wieder etwa das Vorschwangerschafts-Niveau erreicht. Nach der Geburt ist es in der Regel erforderlich, die frischgebackene Mutter komplett neu einzustellen.

Schwangerschaft bei schlechter Blutzucker-Einstellung: die Risiken

Lässt sich die werdende Mutter nicht bereits vor ihrer Schwangerschaft oder wenigstens direkt zu Beginn einstellen, kann das für das Kind schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Werden die Organe in der Anfangszeit nicht richtig versorgt, können schwere Missbildungen entstehen. In vielen Fällen sind die Kinder dann nicht überlebensfähig oder schwerstbehindert. Dies ist insbesondere dann zu befürchten, wenn der HbA1c-Wert dauerhaft über 12 % liegt. Zwar ist es auch mit solchen Werten möglich, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Aber die statistische Wahrscheinlichkeit sinkt enorm.

Zusätzliche Untersuchungen für mehr Sicherheit

Diabetikerinnen sind während der Schwangerschaft Dauergäste bei ihrem Diabetologen. Zu Beginn der Schwangerschaft muss die Therapie unter Umständen sogar im Wochentakt kontrolliert und angepasst werden. Später reicht eine Untersuchung alle vier bis sechs Wochen. Zudem gibt es weitere Kontrollmechanismen, um die Sicherheit von Mutter und Kind zu gewährleisten:

  • Augenuntersuchungen: mindestens dreimal, je zu Beginn, zur Mitte und zum Ende der Schwangerschaft
  • regelmäßige Blut- und Eiweißkontrollen im Rahmen der Frauenarztbesuche
  • zusätzliche Ultraschalluntersuchungen, um die Entwicklung und Versorgung des Kindes zu überwachen
  • Feindiagnostik zwischen der 18. und 22. Woche, um die Organe sowie deren korrekte Größenverhältnisse zu prüfen
  • Flow-Messung gegen Ende der Schwangerschaft, um die Durchblutung von Plazenta und Nabelschnur zu prüfen
  • in den letzten Wochen vor dem errechneten Geburtstermin noch häufigere Kontrollen der Herz- und Wehentätigkeit mittels Wehenschreiber (CTG)

Risiken für das Kind: Vor und nach der Geburt

Schon im Mutterleib ist das Kind gewissen Gefahren ausgesetzt. Abgesehen von Missbildungen der Organe, die entstehen können, hat das Kind vor allem mit zu hohen Blutzuckerwerten zu kämpfen. Ebenso wie der Körper der Mutter muss es den Blutzucker verarbeiten. Es kommt häufig zu starken Fetteinlagerungen, was dazu führt, dass das Baby im Mutterleib überdurchschnittlich schwer wird. Ein Geburtsgewicht jenseits der 4.500 Gramm ist bei Diabetikerinnen keine Seltenheit. Zudem kann die verstärkte Produktion von Blutkörperchen und Gallenfarbstoffen Schwierigkeiten verursachen. Es besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt vor der 37. Schwangerschaftswoche.

Auch nach der Geburt können noch Komplikationen auftreten, beispielsweise:Kinderfüsse

  • das Kind unterzuckert
  • es erleidet eine starke Neugeborenen-Gelbsucht
  • sein Blut dickt ein
  • die Herzkammer-Scheidewand verdickt sich
  • das Kind hat Probleme mit der Atmung

Aus diesem Grund sollten sich werdende Mütter im Vorfeld mit ihrer Geburtssituation auseinandersetzen:

  • Wahl eines Perinatalzentrum mindestens auf Level 2 als Entbindungsklinik
  • angeschlossene Kinderklinik mit Neugeborenen-Station
  • Hausgeburten und Geburtshäuser mangels sofortiger Behandlungsmöglichkeit für das Kind nicht empfehlenswert
  • Vorstellung im Krankenhaus spätestens in der 36. Schwangerschaftswoche
  • Verhinderung einer Übertragung, daher Einleitung spätestens zum errechneten Geburtstermin
  • gegebenenfalls Planung eines Kaiserschnitts, wenn ein sehr hohes Gewicht über 4.500 Gramm zu erwarten ist

Sonderfall Schwangerschaftsdiabetes: oft nur vorübergehend

Zucker im Urin © istock.com/belchonock

Zucker im Urin © istock.com/belchonock

Auch vor der Schwangerschaft völlig gesunde Frauen können während der Schwangerschaft plötzlich die Symptome eines Diabetes entwickeln. Oft wird die veränderte Blutzuckersituation durch eine Zuckerausscheidung im Urin festgestellt. Man spricht dann von Schwangerschaftsdiabetes bzw. Gestationsdiabetes. In den meisten Fällen verschwindet der Diabetes direkt nach der Entbindung wieder.

Allerdings wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen, dass das Risiko deutlich erhöht ist, innerhalb weniger Jahre an einer Form des Diabetes zu erkranken bzw. bei einer erneuten Schwangerschaft wieder einen Gestationsdiabetes zu entwickeln (vgl. Leitlinie zu Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Deutschen Diabetes-Gesellschaft). Erst seit dem Jahr 2012 ist ein Test auf Schwangerschaftsdiabetes Teil der Mutterschaftsrichtlinien und damit Teil der Kassenleistungen.

Zwischen der 24. und der 28. Schwangerschaftswoche wird nun bei allen Schwangeren ein Suchtest durchgeführt. Sie trinken zunächst eine Glukoselösung mit 50 g Glukose. Nach einer Stunde werden die Blutzuckerwerte bestimmt. Sind die gemessenen Werte auffällig, muss ein Glukosetoleranztest über 3 Stunden durchgeführt werden, der eine gesicherte Diagnose ermöglicht.

Bei etwa neun von zehn betroffenen Schwangeren reicht eine Ernährungsumstellung aus, um die Risiken zu minimieren. Nur bei wenigen Frauen ist die Insulingabe erforderlich.

Fazit: Diabetes kein Hindernis für die Schwangerschaft

Dank der hervorragenden medizinischen Kontrolle ist es heute möglich, dass auch Diabetikerinnen gesunde Kinder zur Welt bringen. Wer bereit ist, sich mit seiner Lebensweise auseinanderzusetzen und im Hinblick auf die Ernährung und Bewegung an sich zu arbeiten, muss keine Komplikationen befürchten. Ein interessantes Interview mit Frau Dr. Sabine Semmler, die als Diabetologin Diabetikerinnen mit Kinderwunsch sowie Schwangere betreut, informiert zusätzlich über die Hintergründe und Risiken.

Haben Sie Erfahrungen mit Diabetes in der Schwangerschaft und möchten anderen Frauen einen Rat geben, dann schreiben Sie doch einen Kommentar!

Drucken