Kunstwerk der Frauenärztin Dr. Hilly Kessler*

Kunstwerk der Frauenärztin Dr. Hilly Kessler

Allergien sind die modernen Seuchen unserer westlichen Zivilisation. Vieles spricht dafür, dass Umweltbedingungen die Reaktion unseres Immunsystems verändern. So kann es passieren, dass auf ein normales Nahrungsmittel plötzlich Hautausschläge auftreten, dass ein Parfum Migräne auslöst oder dass Gelenkbeschwerden einfach nicht behandelbar sind.

Aber auch bei Mykosen und unerfülltem Kinderwunsch können Umweltbelastungen eine Rolle spielen. Gifte hindern die Zellen an ihrer normalen Arbeit, hormonähnliche Stoffe bringen den Zyklus durcheinander und verhindern die Befruchtung der Eizelle. Beim Mann verringert sich die Zahl der Samenzellen und ihre Beweglichkeit ist herabgesetzt.

Andreas Steneberg von der Zeitschrift Umwelt und Gesundheit, die der Allergieverein Europa e.V. alle 3 Monate herausbringt, machte mit mir zu diesem Thema Ende des vergangenen Jahres (4/2011) ein Interview.

Interview

Frau Prof. Gerhard, die Wege zwischen Ihnen und dem AVE e.V. haben sich bereits vor 20 Jahren gekreuzt. Seit 1993 sind Sie Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des gemeinnützigen Vereins. 1991 führten wir mit Ihnen ein Interview zum Thema „Es ist nicht nur das PCP (Pentachlorphenol, ein bei uns inzwischen verbotenes Holzschutzmittel)“ über die Spätfolgen von Umweltgiften.
Wie schätzen Sie heute die Rolle von umweltbedingten Fruchtbarkeitsstörungen bei Frau und Mann ein (zum Beispiel durch Pestizide und Schwermetalle)?

© elvira gerecht - Fotolia.com

© elvira gerecht - Fotolia.com

Da wird sich in den letzten Jahren nicht viel zum Positiven verändert haben. Im Gegenteil: wir haben ja dazu gelernt und wissen heute, dass bspw. die endokrinen Disruptoren (hormonähnliche Umweltgifte, bspw. Weichmacher) auf allen Ebenen der Fortpflanzung Störungen hervorrufen können. Die Rolle der Nanopartikel ist noch völlig ungeklärt, aber aufgrund ihrer Eigenschaften bereiten sie mir ebenfalls Sorgen. Und auch wenn bestimmte Pestizide bei uns nicht mehr eingesetzt werden dürfen, so gibt es neue, deren ungünstige Wirkungen sich erst wieder Jahre später bemerkbar machen werden. In den europäischen Ländern kommt erschwerend hinzu, dass die Frauen bei der ersten Schwangerschaft viel älter sind als noch vor 20 Jahren, sie damit wesentlich länger Umweltgifte in ihren Eierstöcken ansammeln konnten.

Nach jahrelanger Leitung der Ambulanz für Naturheilkunde an der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg wurde Ihnen im Jahre 1995 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland verliehen – in Würdigung Ihrer wissenschaftlichen Erfolge in der Gynäkologie durch naturheilkundlich orientierte Diagnose- und Therapieansätze. Vertragen sich Schulmedizin und Naturheilkunde?

Ich bin der Meinung: ja! Für schwere Erkrankungen, Notfälle und chirurgische Interventionen können wir natürlich nicht auf die Schulmedizin verzichten. Aber in der Prävention und bei vielen chronischen Erkrankungen können wir auf die Naturheilkunde nicht verzichten. Bei lästigen Beschwerden, die eigentlich keine schulmedizinische Therapie erfordern, kann sie lindern oder sogar heilen. Außerdem kann man sie sehr schön begleitend einsetzen, beispielsweise um in der Krebsbehandlung die Nebenwirkungen der konventionellen Therapie zu beherrschen.

Sie haben das Netzwerk Frauengesundheit im Internet gegründet und „Das Frauen-Gesundheitsbuch“ herausgegeben. Sind Frauen anders krank als Männer?

Frauen-Gesundheitsbuch

Ja, die ganze Genetik unterscheidet sich ja zwischen Männern und Frauen. Das führt zu einem anderen Körperbau und anderen Stoffwechsel. Aber Frauen gehen auch anders mit ihrem Körper um, sie nehmen Schmerzen anders wahr, Art und Dosis von Medikamenten wirken bei ihnen unterschiedlich. Wenn sie dann krank sind, versuchen sie die eigentliche Ursache herauszufinden und bevorzugen ganzheitliche Heilverfahren. Männer dagegen werfen lieber rasch eine Pille ein, die dann in kürzester Zeit gesund machen soll.

Sind Mykosen – Infekte durch Candida-Pilze – in der gynäkologischen Praxis weit verbreitet? Welche Vorbeugungstipps und Behandlung empfehlen Sie?

Ich hoffe nicht, dass die Mykosen in den Praxen verbreitet sind! Aber Frauen mit Mykosen trifft man täglich in jeder gynäkologischen Praxis.

Vorbeugung: Luftdurchlässige Unterwäsche aus Naturmaterialien, Intimhygiene mit Waschlotionen, die den Säuremantel der Haut stärken, bei Anfälligkeit für Pilze vorbeugend Scheidenzäpfchen, die die Scheidenschleimhaut schützen und die Laktobazillenflora aufbauen.

Behandlung: Im Akutfall Antimykotika, dann Aufbau und Pflege der Scheidenflora.

Welche Rolle spielt die Darmflora im Immunsystem?

Sie ist offenbar der Schlüssel für ein gesundes Immunsystem. Die „guten“ Darmbakterien helfen beim Aufschluss der Nahrungsmittel und ernähren die Schleimhautzellen des Darms. Sie halten fremde Eindringlinge und die „schlechten“ Darmbakterien in Schach. Sie sorgen dafür, dass die Darmschleimhaut nicht „löchrig“ wird, damit nicht Substanzen aus der Nahrung im Blut landen und das Immunsystem dagegen mobilisiert wird.

Sind die gesetzlich Versicherten durch therapeutische Konzentration auf den Akutfall und wissenschaftlich anerkannte Diagnose- und Therapiemaßnahmen gesünder geworden?

Wohl eher nicht. Das muss aber nicht nur an der Schulmedizin liegen, sondern ist viel eher ein Lebensstilproblem: zu viele belastende Umweltfaktoren, falsche Ernährung, zu wenig Bewegung, zu wenig Selbstverantwortung.

Hat man am falschen Ende gespart, und ist die Prävention auf der Strecke geblieben?

Solange wir alle nach neuen Hüften und neuen Herzen schreien, weiß ich nicht, wo das Geld für die Prävention herkommen soll. Und wenn dann als Präventionsmaßnahme alle Mädchen gegen HPV geimpft werden sollen, sind wir auch nicht zufrieden (ich jedenfalls nicht). Aber im Ernst: wir können von unserem jetzigen Medizinsystem keine Lösung erwarten. Wir können nur die Menschen aufklären und denen, die es wollen, Hilfe zur Selbsthilfe geben.

Welche vorbeugenden Maßnahmen vor Allergien und Umweltkrankheiten empfehlen Sie?

Den Müttern würde ich empfehlen, bereits in der Schwangerschaft so zu leben und zu essen, dass sie einen gesunden Darm und ein ausgeglichenes Immunsystem haben. Sie sollten eine normale Entbindung anstreben, damit ihr Kind in Kontakt mit den mütterlichen Bakterien kommt. Sie sollten etwa sechs Monate stillen. Sie sollten in ihrer Wohnung für ein gesundes und schadstoffarmes Klima sorgen. Sie sollten auf Fertiggerichte und Nahrungsmittel mit Zusatzstoffen verzichten und stattdessen ihre Familie mit biologischer Frischkost verwöhnen. Und bei Unpässlichkeiten oder bereits vorher bei Kinderwunsch helfen in vielen Fällen Naturheilverfahren

Der AVE e.V. – Verein zur Förderung der Ganzheitlichen Behandlung Allergischer Erkrankungen – führt derzeit ein durch den Bundesverband AOK unterstütztes Selbsthilfeprojekt „Kommunikation bei Mykose-Erkrankungen“ durch. Könnten Sie sich eine engere Zusammenarbeit mit dem AVE zu diesem Thema vorstellen?

Ja, gerne, das könnte ich mir vorstellen. So könnte ich beispielsweise Artikel im Netzwerk Frauengesundheit publizieren und aktuelle Informationen in meinen Newslettern und über Twitter und Facebook weitergeben.

Und hier ein Fallbeispiel aus meiner Kinderwunsch-Sprechstunde

32-jährige Patientin, Bankkauffrau, seit fünf Jahren unerfüllter Kinderwunsch, 168cm/58kg.

Diagnostik bereits außerhalb erfolgt:

  • normale Hormone bei PMS und leichter Gelbkörperunterfunktion,
  • präklinische Hypothyreose, weshalb sie seit zwei Jahren L-Thyroxin 50 einnahm,
  • durchgängige Eileiter (Chromolaparoskopie = Bauchspiegelung),
  • beim Ehemann normales Spermiogramm (= Spermienanalyse zur Beurteilung der Zeugungsfähigkeit des Mannes) mit leichter Asthenozoospermie (= verminderte Beweglichkeit der Spermien)

Bisherige Therapie:

  • mehrfach Clomifen (= Arzneistoff zur Auslösung des Eisprungs),
  • Stützung der Gelbkörperphase nach dem Eisprung zur Vorbereitung der Einnistung eines befruchteten Eis mit HCG oder Progesteron.
  • Jetzt wurde ihr von ihrem Frauenarzt ivF (= in-vitro-Fertilisation – „künstliche Befruchtung“) empfohlen. Aber sie wünscht einen natürliche Alternative.

Anamnese und Untersuchung:

Bei der Erstvorstellung in der Uni-Ambulanz erhoben wir eine erweiterte Anamnese und ganzheitliche Untersuchung. Folgende Besonderheiten ergaben sich:

  • Sieben Amalgamfüllungen, über zehn Jahre alt.
  • Patientin sehr unter Druck und verzweifelt,
  • leidet nach Aussage des Neurologen seit zwei Jahren unter MS (Symptomatik noch nicht sehr eindrucksvoll, rezidivierende Gangunsicherheiten).

Diagnostik:

  • Speicheltest: stark erhöhte Quecksilber (Hg)-, aber auch Zinn (Sn)-Werte
  • DMPS-Test (= Test zum Nachweis von Schwermetallbelastungen) vermehrte Ausscheidung von Hg,
  • Selen und Zink erniedrigt, Vitamin B12-Mangel

Therapie:

  • Vorsichtige Zahnsanierung,
  • anschließend weitere Ausleitung mit DMPS wöchentlich und
  • Supplementierung mit verschiedenen Orthomolekularia (Mikrowirkstoffen wie Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen).
  • Ernährungsoptimierung.

Verlauf:

© Laura Gaiser

© Laura Gaiser

Besserung der neurologischen Symptomatik. L-Thyroxin wird versuchsweise abgesetzt, Schilddrüsenfunktion normal. Keine PMS-Symptomatik mehr.

Nach einem halben Jahr spontaner Schwangerschaftseintritt und unauffälliger Schwangerschaftsverlauf. Gesundes Kind am Termin durch Spontangeburt geboren.

Nach einem Jahr Wiedervorstellung, Patientin sehr glücklich, da der Neurologe ihr gesagt hatte, sie hätte doch keine MS, die Beschwerden wären wohl nur nervös gewesen.

Nach einem weiteren Jahr Geburt des zweiten Kindes nach spontaner Empfängnis und normalem Schwangerschaftsverlauf.

Das Interview können Sie sich als pdf herunterladen.

Allergieverein Europa

Der Allergieverein Europa e.V. arbeitet europaweit mit Selbsthilfeorganisationen und Fachärzten zusammen. Er versteht sich als Mittler zwischen den notwendigen Anwendungen schulmedizinischer Therapiemaßnahmen, den Erkenntnissen der Klinischen Ökologie und den traditionsreichen Naturheilverfahren, wie sie in der zunehmend belasteten Umwelt erforderlich werden.

Angebot des AVE für Menschen mit Allergien:

  • Information über ganzheitliche Behandlungskonzepte
  • Information über anwendbare Ergebnisse der Allergieforschung in Europa
  • Beratung zu Kuraufenthalten nach umweltmedizinischen Prinzipien im In- und Ausland

Der AVE unterstützt biologisch ökologische Therapiemaßnahmen, die vorbeugend, lindernd oder heilend wirken bei folgenden

Erkrankungen:

  • Asthma
  • Heuschnupfen
  • Neurodermitis
  • Nesselfieber
  • Schuppenflechte
  • Akne
  • Rheuma
  • Migräne
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • Allergien
  • u.a..

Der Allergieverein Europa bietet Beratungen und Untersuchungen nach den Konzepten der Umweltmedizin an:

  • Anamnesen
  • Serodiagnostik u.a. Laboruntersuchungen
  • Umweltanalytik

Er gibt Empfehlungen

  • zur Umwelt, zum Wohn- und Arbeitsbereich
  • Zur Ernährung
  • Und Lebensgestaltung

http://www.allergieverein-europa.de

Allergie-Verein in Europa e.V.

Verein zur Förderung der ganzheitlichen Behandlung allergischer Erkrankungen in Europa e.V. (AVE)
AVE-Büro Fulda
c/o Institut für Umwelt und Gesundheit (IUG)
Petersgasse 27
D-36037 Fulda
Tel. 0661-710-03, Fax: 0661-710-19,
Bürozeiten: Mo, Di, Do 10:30 Uhr bis 12.00 Uhr
Email: UMWELTBERATUNG.Fulda@t-online.de

Zeitschrift UMWELT & GESUNDHEIT

Herausgeber: Allergieverein in Europa e.V. (AVE) – Prof. Dr. Friedhelm Diel
Redaktions- und Verlagsbüro Dr. Eva Diel
Petersgasse 27,
36037 Fulda
Tel.: 0661-71003, Fax: -71019
Erscheinungsweise 4 x jährlich
ISSN 0945-7526
Bezugspreis: EUR 29,00 im Abo, Einzelheft EUR 7,50 (AVE-Mitglieder erhalten die Zeitschrift im Rahmen Ihres Mitgliedbeitrages.

*Frau Dr. Hilly Kessler ist Frauenärztin in Luxemburg und international bekannte Künstlerin. Ihre Frauenportraits machen betroffen und nachdenklich. Für dieses Webmagazin hat Frau Dr. Kessler mir ihre Bilder zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Drucken