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Ach, wenn ich doch unsterblich wäre

Von | 16. November 2016 – 01:18 3.099 AufrufeDrucken

Sterbeammen haben Werkzeuge erarbeitet, um seelische Nöte von Menschen, die mit Krankheit und Tod konfrontiert werden, zu lösen.

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Dunkle Wolken

Wer immer eine lebensbedrohliche Diagnose – wie es eine Krebserkrankung ist – bekommt, steht vor Fragen, die bislang nur eine kleine – weil theoretische – Rolle im Alltag gespielt haben. Ganz plötzlich sind die Betroffenen und ihr gesamtes Umfeld mit der Tatsache der Sterblichkeit alles Lebendigen konfrontiert. Ebenso plötzlich ist die Zeit endlich geworden, und eine unklare und unsichere Bedrohung schwebt wie eine düstere Wolke um jeden noch so schönen Sonnentag.

Monster tauchen auf

Ganz besonders in den ruhigen Momenten, besonders dann, wenn der Tag sich dem Ende zuneigt, tauchen Monster auf. Diese nachtaktiven Wesen erzählen Geschichten von Ohnmacht, Einsamkeit, Elend und Leiden und einem langsam sich hinziehenden Siechtum. Und sie stellen immer wieder die Frage, ob der letzte Atemzug ein Foltererlebnis wird und ob es ein „Danach“ geben kann.

Diese Monster werden in den allgemeinen, klinischen Behandlungen durchaus wahr genommen – allein es gibt nur wenig, was gegen die Monster getan werden könnte. Ohnmacht und Erstarrung sind überall und allgemein zwei ganz alltägliche Reaktionen angesichts der menschlichen Sterblichkeit. Neben einer medikamentösen (und fragwürdigen) Behandlung der seelischen Leiden ist in den letzten Jahren die begrüßenswerte Psychoonkologie entstanden, die sich denen annimmt, die neben allen körperlichen Beschwerden zusätzliche psychische Probleme entwickeln.

Sterbeammen und Sterbegefährten

Die Monster Sorge, Furcht, Angst und Panik sind das Spezialgebiet von Sterbeammen und Sterbegefährten. Sie wissen sehr wohl, wie entscheidend wichtig es ist, einen Sinn im Leben (und im Sterben) zu haben. Sie wissen um die Qualen, die durch die Monstren entstehen können. Sie haben viele Werkzeuge erarbeitet, um die seelischen Nöte von Betroffenen und ihrem Umfeld verwandeln zu können. Es ist leicht nachvollziehbar, dass dazu oftmals das Denken und Handeln auf den Kopf gestellt werden muss.

Die Krebserkrankung

Die meisten Menschen assoziieren in unserer heutigen, aufgeklärten Zeit, mit dem Begriff „Krebs“ eine Zukunft für die Betroffenen, die übereinstimmend verbunden ist mit

  • Schmerzen
  • Angst
  • Chemo/ Zytostatika
  • Glatze
  • Übelkeit
  • Tod

Diesen unausgesprochenen allgemeinen Vorgaben und Prognosen kann sich kaum noch jemand entziehen. Die fatale Verbindung von bestürzter Beklemmung und Sprachlosigkeit ist ein neuer Mitbewohner in diesem neuen Alltag.

Fremdsprachen und Fachsprachen

Unwetter

Auf verschiedenen Wegen dem Unwetter entkommen © gemo1980 fotolia.com

Wenn sich der Verdacht auf eine lebensbedrohliche Diagnose als real und wahr herausstellt, beginnt damit für alle, die davon betroffen sind, der Einstieg in ein besonderes Spezialgebiet, das für Laien nur schwer zu durchschauen ist.

Die betroffenen Erkrankten treffen die folgenschweren Entscheidungen – sowohl, welche Untersuchungen, als auch welche Behandlungen angesetzt werden. Sie begeben sich oft völlig vertrauensvoll in jedwede angeratene medizinische Behandlung, ohne die Folgen, geschweige denn den Nutzen überschauen zu können. Ein besonderes Problem tut sich auf: letztlich entscheiden diejenigen darüber, was getan wird, die zwar von ihrem eigenen Leben, doch nicht von Medizin oder Statistik die geringste Ahnung haben. Die Betroffenen sind damit dennoch selbst verantwortlich für den Weg, den sie einschlagen.

Wer in diese Situation kommt, muss mitten in einer Ausnahmesituation, in einem Schock, entscheiden, welche Maßnahmen ergriffen werden sollen. Und am Ende entscheiden sie, was ihnen von Experten qua ihrer fachlichen Überlegenheit angeraten wird. Die Zeit wird relativ, wenn der Tod angeklopft hat. Und oftmals zeigt sich erst hinterher und viel später, ob alle damit einverstanden waren, was entschieden wurde. Doch später ist nichts mehr rückgängig zu machen. Was für ein Dilemma!

Untersuchungen stehen ebenso an wie ein sinnvoller Behandlungsweg. Dabei ist schwer zu entscheiden und zu überblicken, was dem Betroffenen nur als eine Ansammlung von Methoden in einem neuen Alltagsdschungel erscheint. Letztlich geht es doch um das eigene, kleine und bisschen blanke Leben.

  • Welche Untersuchung heißt eigentlich was?
  • Welche Werte bedeuten was?
  • Welche Behandlung heißt was?
  • Und mit welchen Folgen kann welche Maßnahme rechnen?

Es sind folgenschwere Entscheidungen, die oftmals gar nicht durchblickt, geschweige denn begriffen werden können.

Gibt es naturheilkundliche Alternativen?

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Mistel

Ganz abgesehen von der Hektik und den normal vorgegebenen Wegen, bestehen eine ganze Menge verschiedener Möglichkeiten für eine Behandlung. Viele davon werden offiziell belächelt, weil die klinischen Wege als einzig sinnvoll angesehen werden. Allerdings haben wir es mit zwei Problemen zu tun.

Viele Betroffene suchen erst dann eine Alternative zur gängigen Behandlung, wenn die schulmedizinische Behandlung ihr gesamtes „Pulver verschossen“ hat. Dann soll bestenfalls die Naturheilkunde richten, was auf allen Ebenen am Ende angelangt ist.

Und ob eine alternative Methode ganz allein in der Lage sein kann, Zellen, die sich auf ihr eigenes Überlebensprogramm reduziert haben, wie es Krebszellen tun, wieder dem allgemeinen Gesamtplan zuzuführen, sei dahingestellt.

Mit dem roten Faden Herr des eigenen Lebens werden

Nur eine Mistelbehandlung allein kann ebenso wenig ausreichen, wie es Ernährungsratschläge, Teesorten, Sport oder Enzyme tun. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen einer Methode und einem umfassenden Konzept in einer Begleitung. Eines jedoch ist klar: wird von denen, die sich in einer alternativen Behandlung befinden, erwartet, selbst aktiv zu werden, anstatt wie ein Schaf zur Schlachtbank der „Chemo“ zu gehen, ist der Erfolg meist größer. Denn schon die Handlungsfähigkeit allein macht die Betroffenen wieder ein wenig zum Herr/ der Herrin des eigenen Lebens.

Freiheit oder Dogma?

Den Dogmatismus jedoch, was der alleinige und richtige Weg sein kann, aus einer bedrohlichen Krankheit zurück zur Gesundheit zu finden, finden wir in allen Sparten der behandelnden Medizin. Hier machen weder die Naturheilkunde, noch sonstige Methoden oder die Schulmedizin eine Ausnahme. All’ dieses geht wieder zu Lasten der Betroffenen.

Es ist also ratsam, sich umfassend mit klinischen, fachsprachlichen Angeboten und Ratschlägen zu befassen, bevor man sich für oder gegen eine Behandlung entschließt. Es kann zusätzlich ratsam sein, einen „biologischen Weg“ (siehe unten) zu beschreiten. Fragen Sie Vertreter jedweder Richtung an. Es geht bei einer Lebensbedrohung um Ihr eigenes Leben, nicht darum, ob sie irgendjemanden „stören“ könnten.

Warum nur? Ursachensuche und Schuldzuweisungen

Letztlich landen auch alle Betroffenen und ihr gesamtes Umfeld bei der zermürbenden Frage, „warum“ diese Krankheit entstanden ist. Dabei werden viele, dogmatisch anmutende, Ursachen diskutiert, die einen Hintergrund für die Entstehung bilden können. Und während einige das Schicksal oder die Vorbestimmung dafür verantwortlich machen, ziehen andere die schlechte Ernährung oder sonstige ungesunde Lebensweisen in Betracht.

Dazu werden im Rahmen der heutigen zunehmenden „Küchenpsychologie“ auch die falschen und krankmachenden Lebensführungen verantwortlich gemacht. Dass dadurch für die Betroffenen oftmals zusätzlich zu den Monstern auch noch Zweifel am eigenen Leben und Schuldzuweisungen von außen kommen, macht die ganze Misere nur noch größer.

Wer lebensbedrohlich erkrankt ist, muss ja wohl irgendetwas falsch gemacht haben – oder?

Wenn alle gucken…

Cancer patient with positive attitude during her treatment

Optimistische Krebspatientin © cleomiu fotolia.com

Leiden und Krankheit kann ansteckend sein. Es ist so beruhigend, wenn wir feststellen, dass im abendlichen Krimi immer die anderen, die wir gar nicht kennen umgebracht werden. Tauchen in unserem Umfeld leibhaftig das Leiden und die Auseinandersetzung mit tiefen und grundsätzlichen Lebensfragen auf, ist es vielleicht ratsam, diesem Elend geschickt auszuweichen. Insofern sind alle Menschen, die lebensbedrohlich erkrankt sind, für einen Teil der restlichen Gesellschaft gefährlich. Sie sind erkennbar, sie provozieren, sie konfrontieren.

Ob es ratsam ist, sich deshalb unter einem „Fiffy“ – der obligatorischen Perücke während der Zeit des Haarausfalls – zu verstecken? Ob der andere, konfrontierende Weg nicht sinnvoller für alle wäre? Das erforderte ein handfestes Selbstvertrauen, und dieses ist allein durch die Diagnose schon einmal kräftig angekratzt.

Das Unaussprechliche denken und teilen

Letztendlich heißt eine Bedrohung für Leib und Leben auch, dass es sinnvoll wäre, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Diese Tatsache steht hinter vielem, was die Monster in den ungestörten, ruhigen Momenten flüstern: sie erzählen uns die Geschichte vom Sterben und Krepieren.

Wie wäre es, das Undenkbare zu denken und mit anderen zu teilen und das Unaussprechliche auszusprechen? Damit kann ein Gang zu einem Bestatter, ein Besuch in einem Hospiz, ein Gespräch mit einer Sterbeamme/ einem Sterbegefährten und die Beschäftigung mit der Palliativmedizin genau richtig sein. Denn eines ist sicher: die Monster verlieren dadurch ganz erheblich an Macht.

Jede Sackgasse im Denken führt unweigerlich zu einer Sackgasse im Handeln. Und wer weiterdenken kann, kann auch wieder weiter handeln. Diese wesentliche Kleinigkeit unterscheidet die Ohnmacht von der Handlungsfähigkeit.

Vielleicht müssen Menschen, die eine lebensbedrohliche Diagnose tragen, ihr Leben schneller leben. Auf der anderen Seite wissen sie viel genauer als alle anderen Menschen, wie fragil und wie kostbar, wie zauberhaft und wie auffordernd das Leben ist. Betroffene können nicht mehr „unsterblich“ spielen, wie der Rest der Menschen. Das allerdings kann ihnen auf ebenso dramatische, wie grundlegende Art klarmachen, dass es gilt, das Leben in allen Facetten wahrzunehmen und eine Lebensfeier im wahrsten Sinne daraus zu machen.

Meine persönlichen Ratschläge für Sie

  • sahnetorte

    Zu Lebensfrreude kann auch eine Sahnetorte gehören

    Lassen Sie sich Zeit, bevor Sie sich für oder gegen eine Behandlung entscheiden.

  • Suchen Sie verschiedenen Expert*innen auf, damit Sie in Ruhe Ihre eigenen Entscheidungen treffen können
  • Nehmen Sie Menschen dorthin mit, denen Sie vertrauen – denn vier Ohren hören immer mehr, als nur zwei.
  • Entscheiden Sie sich immer für den Weg, dem Sie am meisten vertrauen können. Ein Schema „F“ wird Ihnen selbst niemals gerecht werden können.
  • Wenden Sie sich radikal dem Leben zu.
  • Holen Sie alte Träume aus sich heraus, setzen Sie diese in die Tat um.
    Und sollten Sie keine alten Träume haben, so tüfteln Sie neue Träume aus.
    Setzen Sie die Träume konkret um. Für einige Menschen kann das bedeuten, tanzen zu lernen, und für andere, eine neue Sprache zu lernen oder einen neuen Freundeskreis aufzutun.

Über die Autorin

cardinalClaudia Cardinal, Jahrgang 1955, lebt in Hamburg, hat zwei erwachsene Kinder und ein Enkelkind. Langjährige Dozentin an verschiedenen Schulen für Naturheilkunde und Leiterin von Fortbildungen verschiedenen in Institutionen wie Hospizen und Alteneinrichtungen. Initiatorin und Leiterin der Ausbildung zur Sterbeamme/ zum Sterbegefährten, Buchautorin und Heilpraktikerin. Vorsitzende des Vereins Sterbeheilkunde e.V.

Kontakt

Sterbeammen-Akademie und Naturheilpraxis
Claudia Cardinal/ Hildegard Fuhrberg
Brookkehre 11
21029 Hamburg
Tel: 040-7242420
Claudiacardinal@sterbeamme.de
Con-sens@web.de

www.sterbeamme.eu

Wie Sie eine Sterbeamme finden oder selber eine werden können

Seit 30 Jahren entwickelt Claudia Cardinal den Beruf der Sterbeamme. Inzwischen gibt es Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung in zahlreichen deutschen Städten. Auch eine Adressenliste von Teilnehmern an diesen Ausbildungen liegt vor. Besuchen Sie einfach die Webseite www.sterbeamme.eu.

Buchempfehlung von der Redaktion

Gutes Leben! Trotz Krebs und schwerer Krankheit

gutes-lebenSechs Menschen, die „dem Tod ins Auge“ gesehen haben, begegnen sich in einem Café. Vier der Betroffenen sind an Krebs erkrankt. Doch auch die anderen Beiden haben ihre eigenen Erfahrungen mit den Fragen von Krankheit und Abschied vom Leben.

Sie stellen fest, dass sie ihre Gedanken, die sie bislang allein für sich gewälzt haben, vertrauensvoll mit diesen anderen Teilen dürfen. Und ab jetzt treffen sie sich regelmäßig und teilen ihre Sorgen und Gedanken und auch ihren Humor miteinander. Es gibt nichts, was nicht gesagt werden dürfte. Und damit erlösen sie sich auch alle ein Stück untereinander.

Die 18 Kapitel des Buches sind jeweils einem Thema/ einer Frage gewidmet. Nach der Vorstellung der Theorie folgt das Gespräch der Betroffenen, die sich jeder in einer anderen Phase der Krankheitsbewältigung befinden und vom Typ her unterschiedlich mit der Bedrohung umgehen. Dann folgt „eine Idee“, der Vorschlag zu einem „Traum“, einer Visualisierung, die den Leser aktiv einbezieht.

Einprägsame Sprüche von berühmten Menschen oder wichtige Bemerkungen von Betroffenen regen immer wieder zum Nachdenken und zur persönlichen Stellungnahme an. Hier einige Beispiele:

  • Sterben ist viel einfacher und schöner als alle denken
  • Die Krankheit hat mein Leben gerettet.
  • Was ich seit meiner Krankheit erlebt habe, ist wertvoller als alles, was ich in den letzten 20 Jahren erlebt habe

Einmal in das Buch „Gutes Leben trotz schwerer Krankheit und Krebs“ hineingelesen, lässt es einen nicht mehr los. Die Dankbarkeit für das Hier und jetzt ist ansteckend. Es ist jedem zu empfehlen, der mehr aus seinem Leben machen möchte, der sich mit Krankheit und der Endlichkeit unseres Lebens auseinandersetzen möchte.

Haben Sie Angst vor dem Tod? Haben Sie eigene Erfahrungen im Umgang mit sterbenden Menschen? Dann lassen Sie die Leserinnen an Ihren Gedanken teilnehmen und schreiben Sie einen Kommentar!

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