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Sitzen wir uns krank?

Von | 16. Dezember 2017 – 23:35 828 AufrufeDrucken

Sportliche Betätigung reicht heute nicht mehr aus, um die Folgen unseres überwiegend sitzenden Lebensstils zu kompensieren. Mehr Bewegung im Alltag ist angesagt!

„So! Nun also auch noch das Sitzen“, mögen Sie gerade wohl denken. Und ich muss Ihnen sagen, ja! Ein Zuviel vom Sitzen kann Lebenszeit kosten. In jedem Fall verringert es die Lebensqualität. Es mag wie ein schlechter Aprilscherz oder eine weitere neue Panikmache klingen, ist jedoch ernste Realität. Und sie ist akuter als je zuvor. Genau darum geht es auch in meinem aktuellen Buch: „Sitzen ist fürn Arsch“. Vielleicht haben Sie schon von der Aussage „Sitzen ist das neue Rauchen“ gehört. Und ganz sicher wissen alle von Ihnen, dass Sport gesund ist. Allerdings sind beide „Fakten“ nur die halbe Wahrheit.

Sitzen kostet Lebenszeit

Tatsächlich stellt der häufig vom Sitzen geprägte Lebensstil moderner Gesellschaften, sowohl den Umfang als auch die Folgen betreffend, das Rauchen in den Schatten. Während hierzulande etwa ein Viertel der Bevölkerung regelmäßig raucht, führen gut zwei Drittel der deutschen Bevölkerung einen inaktiven Lebensstil, das heißt, sie sitzen zu viel und bewegen sich zu wenig.

Dazu kommt, dass die Bandbreite an Erkrankungen und Leiden, die mit einem sitzenden Lebensstil einhergehen können, die gesundheitlichen Folgen des Rauchens noch übertreffen. Ein inaktiver Lebensstil ist einer der wesentlichen Faktoren, wenn es um das Risiko für viele Zivilisationskrankheiten geht und stellt durch die direkten und indirekten Folgen bereits die vierthäufigste Todesursache in der westlichen Welt dar.

Bewegung ist mehr als nur Sport

Dass Sport gesund ist, steht wohl außer Frage. Wie viel mehr in dem Gesundheitsfaktor „Bewegung“ steckt, machen jedoch erst relativ neue wissenschaftliche Erkenntnisse klar. Galt ein gewisses Mindestmaß an sportlicher Betätigung (150 Minuten pro Woche) in der Wissenschaft lange Zeit als ausreichend, um die Gesundheit zu erhalten, weiß man heute mehr. Denn auch zu viel Sitzen, sprich zu wenig Bewegung außerhalb des Sports, schadet der Gesundheit. Dreimal pro Woche für eine Stunde Sport zu treiben reicht demnach meist nicht aus, wenn man den Rest der Zeit überwiegend sitzend verbringt.

Warum langes Sitzen unserer Gesundheit schadet

Viele verbringen mehr als die Hälfte der Wachzeit im Sitzen, oftmals sogar noch mehr. Das bleibt nicht ohne Folgen und kann unter anderen zu Rückenbeschwerden, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar einigen Krebsarten führen.

Vom Jäger und Sammler zum Dauersitzer

Schaut man sich den Tagesablauf vieler Menschen in industriellen Nationen an, fällt schnell auf, dass ihr Leben vom Sitzen bestimmt wird: morgens im Auto auf dem Weg ins Büro, auf Arbeit vor dem Computer und abends beim Essen mit Freunden oder vor dem Fernseher auf dem Sofa. Ein Leben ohne Sitzgelegenheiten scheint unvorstellbar. Dabei müssen wir gar nicht so weit in der Menschheitsgeschichte zurückblicken, um zu sehen, dass das bei weitem nicht immer so war.

Unsere steinzeitlichen Vorfahren zogen als Jäger und Sammler durchs Land. Bewegung war für sie lebensnotwendig und damit essentieller Bestandteil ihres Lebens. Die Neolithische Revolution, das heißt, der Übergang vom Nomadentum zur Landwirtschaft, ließ unsere frühen Vorfahren vor etwa 17.000 Jahren zwar sesshaft werden, jedoch nicht bewegungsfaul. Ganz und gar nicht. Auf den Äckern und Viehweiden war Bewegung noch immer unabdingbar. Der Startschuss zum Massensitzen fiel erst mit der Dritten Industriellen Revolution zum Ende der 1970er Jahre. Seitdem wird unser Leben immer bequemer.

Der technologisch unaufhaltsame Fortschritt bietet uns immer mehr Möglichkeiten sowohl das berufliche als auch private Leben zu vereinfachen: angefangen von Maschinen, die Waren produzieren, über Transportmittel bis hin zu Haushaltsgeräten. Vor wenigen Jahrzehnten galten z. B. Staubsauger und Rasenmäher als Revolution. Dreck wurde bequem weggesaugt und Rasen statt in schweißtreibender Arbeit mit der Sense nun mit sehr viel weniger Aufwand gekürzt.

Und heute? Fahren kleine völlig autonom arbeitende Roboter durch Garten und Haus und übernehmen diese Arbeiten, während wir auf dem Sofa sitzend zuschauen und uns womöglich noch darüber freuen, dass wir unseren Körper mit all seiner potentiellen Leistungsfähigkeit sogar noch weniger bewegen müssen.

Nicht viel anders sieht es bei der Fortbewegung aus: Schon das Fahrrad war zu seiner Entwicklung ein Quantensprung, da man viel schneller viel weitere Strecken zurücklegen konnte. Doch wer tritt denn heute, in Zeiten von E-Bikes, E-Roller, Segway und Co. noch selber? Eigene Energie verbraucht nur, wer es sich nicht anders leisten oder erlauben kann. So scheint es zumindest.

Was die genetische Ausstattung unseres Körpers verlangt

Wenngleich wir uns technisch immer weiterentwickeln und sich damit unser Lebensstil enorm verändert hat, so ist der menschliche Körper über die letzten 200.000 Jahre hinweg fast gleichgeblieben. Die genetische Ausstattung unseres Körpers ist größtenteils noch immer die, mit der auch unsere steinzeitlichen Vorfahren auf die Welt kamen.

Über tausende von Jahren war eine gute Fitness mit starken Muskeln und einem leistungsfähigen Herz-Kreislauf-System enorm wichtig und ein echter Überlebensvorteil. Körperlich wurde unseren frühen Vorfahren viel abverlangt.

Und genau darauf ist auch heute noch unser genetisches Programm eingestellt. Das Problem dabei: In modernen Gesellschaften ist Bewegung in der Regel Mangelware. Damit verwehren wir unserem Körper das, was für sein reibungsloses Funktionieren essentiell ist. Als Folge drohen gesundheitliche Beeinträchtigungen, Erkrankungen und sogar eine Verkürzung unserer Lebensdauer.

Langes Sitzen und unsere Gesundheit – Die wissenschaftlichen Fakten

Tatsächlich sind körperliche Inaktivität und die damit verbundenen Folgen weltweit eine der führenden vermeidbaren Todesursachen. Jedes Jahr sterben mehr als 3 Millionen Menschen an den Folgen von zu wenig Bewegung; Tendenz steigend. Immer mehr Studien belegen, dass auch Menschen, die viel Zeit im Sitzen verbringen, nicht nur mit den gut bekannten Rückenbeschwerden zu kämpfen haben, sondern ein erhöhtes Risiko für eine Reihe weiterer Erkrankungen aufweisen.

Statistisch gesehen erhöht sich das Sterberisiko bei Personen, die täglich 10 Stunden oder mehr im Sitzen verbringen, um 34% im Vergleich zu Personen, die nur etwa eine Stunde pro Tag sitzen. Zudem konnten Studien zeigen, dass viel und langanhaltendes Sitzen in verschiedensten Bereichen gesundheitliche Folgen haben kann. Diese werden hier nur kurz angerissen und ausführlicher in meinem Buch „Sitzen ist fürn Arsch“ beschrieben.

Krankheiten durch langes Sitzen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Durch langes Sitzen wird der Blutfluss in den Beinen verschlechtert, was zu gefährlichen Ablagerungen an den Gefäßwänden und zu tiefen Beinvenenthrombosen führen kann. Diese Ablagerungen, auch Arteriosklerose genannt, können sich auch an anderen Stellen im Körper bilden. In der Folge kann es zu Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall kommen.

Stoffwechselerkrankungen

Auch verschiedene Stoffwechselprozesse leiden unter dem Bewegungsmangel. Studien haben gezeigt, dass nicht nur häufiges, sondern auch ununterbrochenes Sitzen die Blutzuckerregulation stört. Kann der Blutzuckerspiegel nicht mehr richtig reguliert werden, hat dies auf Dauer Diabetes mellitus Typ 2 zur Folge (Zuckerkrankheit). Im schlimmsten Fall drohen Gefäßschäden bis hin zum Schlaganfall oder Herzinfarkt, Sehstörungen, Störungen der Nierenfunktion, Nervenschäden und Sexualstörungen. Und auch der Fettstoffwechsel kann durch zu viel Sitzen gestört werden, da Fette aus dem Blut nicht mehr so gut vom Körper aufgenommen und weiterverarbeitet werden können. Das kann zu schlechten Blutfettwerten führen.

Rückenprobleme

Rückenschmerzen und –verspannungen bringen viele mit langem Sitzen in Verbindung. Immerhin sind das auch Anzeichen, die die meisten beruflichen Vielsitzer als eine der ersten bemerken und vor allem direkt mit dem Sitzen assoziieren. Sind Verspannungen anfangs noch relativ harmlos, kann ein auf Dauer überwiegend sitzender Lebensstil auch zu Haltungsschäden, Fehlbelastungen und Schäden an den Bandscheiben führen.

Krebserkrankungen

Erste Studien legen auch Zusammenhänge zwischen unserem vielen Sitzen und bestimmten Krebsarten, wie etwa Brustkrebs, Eierstockkrebs, Gebärmutterkrebs, Prostatakrebs und Dickdarmkrebs, nahe. Die genauen Prozesse dahinter sind bislang noch unklar.

Psychische Erkrankungen

Ähnlich sieht es auch auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit aus. Erste Studien deuten auf ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Angsterkrankungen hin. Klar ist jedoch, dass sich Bewegung und Sport auf der anderen Seite extrem positiv auf unsere Psyche auswirken. Wer regelmäßig aktiv ist, steigert nicht nur sein Wohlbefinden, sondern verbessert auch seinen Schlaf und seine Konzentration.

Warum Sport nur die halbe Miete ist

Zu vieles und zu langes Sitzen, wie es viele von uns täglich tun, begünstigt eine Reihe von Erkrankungen, die unsere Lebenszeit verkürzen, mindestens aber enorm an Lebensqualität kosten. Um dem vielen Sitzen entgegenzuwirken scheint Sport ein probates Mittel zu sein. Auf die Frage, ob dieser wirklich die Lösung für unsere Sitzepidemie ist, würde ich allerdings klar mit „Nein“ antworten.

Noch nie waren so viele Menschen in Fitnessstudios eingeschrieben, wie es heutzutage der Fall ist. Und dennoch steigen die Zahlen für Fettleibigkeit, Diabetes, Rückenbeschwerden und ähnliches immer weiter an. Wie kann das sein?

Das Problem ist, dass unser Körper nicht wie eine Batterie funktioniert, die wir einfach aufladen – z. B. mit einer Stunde intensiven Sports – und dann über die nächsten Tage verteilt wieder abgeben. In diesem Fall ist 1+1 nicht gleich 2. Auch wenn jeder Sport besser ist als kein Sport, verpuffen die gesundheitlichen Vorteile wieder, wenn man sich den Rest des Tages kaum mehr bewegt. Regelmäßige Bewegung über den Tag verteilt ist daher der passendere Schlüssel zu einem gesunden Leben.

Fazit

Wir Menschen sind von Natur aus für Bewegung geschaffen. Lassen wir unseren Körper hingegen dauerhaft auf Sparflamme „laufen“, wobei sitzen hier das treffendere Worte wäre, kann das zu einer Reihe ernsthafter Erkrankungen führen. Regelmäßiger Sport ist dabei nur ein Baustein für ein gesundes Leben. Mindestens genauso wichtig ist jedoch auch ein aktiver Alltag, in dem wir über den Tag verteilt in Bewegung sind, unsere Muskeln und unser Herz-Kreislauf-System fordern.

Wenn Sie nun neugierig geworden sind und mehr darüber erfahren möchten, wie wir uns zu den Couchpotatos entwickelt haben, welche Folgen im Detail dieser sitzende Lebensstil nach sich zieht und was wir – bereits mit kleinen Schritten – tun können, um länger und gesünder zu leben, finden Sie weitere Informationen in meinem aktuellen Buch „Sitzen ist fürn Arsch“ sowie auf meinem Blog www.movethemoment.com.

Über die Autorin

Dr. Vivien Suchert ist Wissenschaftlerin, Autorin, lizensierte Fitnesstrainerin und Bloggerin. Nach dem Abschluss Ihres Studiums als Diplom-Psychologin in Dresden promovierte sie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Als Doktorandin beschäftigte sie sich intensiv mit den gesundheitlichen Folgen eines überwiegend sitzenden Lebensstils. Mit ihrem aktuellen Buch sowie Vorträgen und Workshops zu dem Thema verfolgt sie das Ziel, mehr Bewegung in unsere häufig recht träge Gesellschaft zu bringen.

Kontakt

Vivien Suchert

e-mail: info@sitzen-ist-fürn-arsch.de
www.movethemoment.com

www.sitzen-ist-fürn-arsch.de

Buchempfehlung von der Redaktion

Sitzen ist fürn Arsch

Sitzen ist in unserer heutigen Gesellschaft allgegenwärtig; egal ob im Auto, auf dem Sofa, im Büro oder beim geselligen Abend mit Freunden. Wie wenig unser Körper für diesen Lebensstil gemacht ist, wird zu Beginn des Buches „Sitzen ist fürn Arsch“ klar. Die Autorin Dr. Vivien Suchert geht in der Menschheitsgeschichte zurück und wirft aus evolutionärer Sicht einen Blick auf unser tägliches Sitzverhalten. Dabei stellt sie uns Ottfried – einen typischen Bewohner der Steinzeit – vor, der im Verlaufe des Buches immer wieder auftaucht und den Leser an seine genetischen Wurzeln erinnert. Denn unser heutiger Körper unterscheidet sich kaum von dem unserer steinzeitlichen Vorfahren. Von der Autorin selbst gezeichnete Illustrationen und Diagramme lockern den Text immer wieder auf, bringen den Leser zum Schmunzeln und veranschaulichen das Geschriebene.

Der Titel passt nicht nur wie die Faust auf’s Auge, sondern lässt bereits den lockeren Stil dieses Sachbuches erahnen. Unterhaltsam und informativ klärt die Autorin über die Folgen unseres häufig sehr bequemen Lebensstils auf. Die medizinischen Hintergründe werden dabei auch für Laien sehr verständlich dargelegt.

Vivien Suchert schafft es hervorragend, den Leser ohne erhobenen Zeigefinger aufzurütteln und zu mehr Bewegung zu animieren. Dabei klärt sie nicht nur auf, sondern liefert auch zahlreiche Strategien und leicht umsetzbare Tipps, um mehr Bewegung in den eigenen Alltag zu bringen.

Zudem kann man sich auf ihrer Homepage für ihren Newsletter anmelden und erhält ein kleines 2 Wochen Programm, das Sie an die Hand nimmt und mit dem Sie direkt loslegen können.

Und wie halten Sie es mit dem Sitzen? Schreiben Sie doch einen Kommentar!

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