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Schadstoffe im Kinderalltag, Forschungsstand Schwerpunkt ADHS

Von | 11. September 2013 – 23:40 5 Kommentare 13.654 AufrufeDrucken

Hin und wieder berichten Radio-, Fernseh- und Online-Meldungen von Schadstoffen in unserer Umwelt. Auch über schädliche Wirkungen gerade für unseren Nachwuchs ist dabei häufig zu hören. Trotzdem glauben viele Menschen, Umweltgifte innerhalb der Körper von Kindern seien selten. Sehen kann man sie ja oft auch nicht. Entsprechende Meldungen in den Medien täuschen eine solche Annahme jedoch nur vor.

Schadstoffe sind inzwischen nahezu allgegenwärtig: „Heute sind alle Kinder von Umweltbelastungen betroffen – ob als Luftschadstoffe, Chemikalien oder Lärm“, mahnte der ehemalige Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Andreas Troge, im Jahr 2007. Insbesondere Chemikalien, denen unsere Nachkommen in ihren Kinderwelten heute vielfach direkt ausgesetzt sind, rücken dabei zunehmend in den Blickpunkt.

Hinzu kommen Schadstoffe, die bereits während der Schwangerschaft über die Plazenta an den sich entwickelnden kindlichen Organismus abgegeben werden. Insofern lohnt eine Auseinandersetzung mit diesem Thema durchaus.

Umweltgifte sind Risiken der kindlichen Entwicklung. Und sie sind vermeidbar!

Ein solches Problem kann bei aller Besorgnis nur nüchtern angegangen werden.

Was wissen wir eigentlich inzwischen über Umweltgifte und deren Auswirkungen auf Kinder?

  • Zunächst sollen in diesem Artikel die empirischen Daten in Bezug auf die gegenwärtige Belastung von Kindern mit Umweltgiften dargestellt werden.
  • Im Anschluss daran folgt ein Abriss über die Ursachen und Gründe einer deutlich höheren Anfälligkeit von Kindern gegenüber Schadstoffen.
  • Welche Auswirkungen diese Stoffe haben können, bildet das Hauptaugenmerk des Textes und wird im Wesentlichen anhand der Studienlage zur Verhaltensauffälligkeit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom, ADHS, an Erkenntnissen zur Langzeitspeicherung von Umweltgiften im menschlichen Gehirn sowie an möglichen Fehlbildungen durch pränatale Exposition gegenüber chemischen Weichmachern dargestellt.
  • Abschließend sollen einige Hinweise Eltern und Erziehern helfen, gerade neurotoxische (= das Nervensystem angreifende) Schadstoffe im Kinderalltag soweit wie möglich zu vermeiden bzw. zu beseitigen.

Empirische Daten zur Belastung von Kindern mit Schadstoffen

© Adam Gregor - Fotolia.com

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Das Umweltbundesamt stellte auf Basis umfangreicher Untersuchungen zunächst heraus, dass unser Nachwuchs heute generell und vielfach Umweltgiften ausgesetzt ist. Schadstoffe befinden sich im Blut eines jeden Kindes in der Bundesrepublik Deutschland. Bedenklich ist zudem, dass sich „jedoch längst nicht alle Schadstoffe im Blut und/oder Urin nachweisen lassen, weswegen davon ausgegangen werden muss, dass die reale Schadstoffbelastung von Kindern über den derzeit zur Verfügung stehenden Befunden liegt.“

Hinzu kommt eine meist zwar niedrige Belastung mit Schadstoffen im Alltag, jedoch stellen die vielen Umweltgifte einen regelrechten Cocktail dar. Hier ist das wesentliche Problem, dass sich Umweltgifte in ihren schädlichen Auswirkungen verstärken können.

Als besonders relevanten Schadstoff aus der menschlichen Umwelt wird in der Öffentlichkeit meist über Feinstaub diskutiert, der durch den Verkehr emittiert wird.
Vom eigentlich größeren Problem lenkt dies jedoch durchaus ab: Neben der Außenluft muss vielmehr die täglich eingeatmete Luft aus Wohnungen, Büros, Werkstätten und öffentlichen Gebäuden beachtet werden.
Innenräume sind bei Messungen

  • deutlich stärker mit Umweltgiften belastet als die Außenluft und
  • gerade Kinder halten sich pro Tag im Durchschnitt über 15 Stunden in Innenräumen (und damit viel länger als an der Außenluft) auf.

Das UBA hat im Kinder-Umweltsurvey (KUS), einer Teilstudie des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys des Robert-Koch-Instituts, die Raumluft in 1.790 Haushalten mit Kindern gemessen: „Die Probenahme erfolgte in dem Raum, in dem sich das Kind (3–14 Jahre) im Allgemeinen während der 24 Stunden eines Tages am längsten aufhielt. Zu ca. 95 % war dies das Kinderzimmer, in gut 4 % der Fälle das Elternschlafzimmer und in 1 % ein anderer Wohnraum.“ Im Hausstaub und im Blut von Kindern wurde im KUS eine Vielzahl von Umweltgiften nachgewiesen. Über den Hormoncoctail in Kinderzimmern finden Sie hier einen Artikel.

Die Innenraumluft hat generell ein großes Schädigungspotential, da Menschen sie länger einatmen und besonders beim Schlaf der Stoffwechsel zur Ausscheidung von Umweltschadstoffen verlangsamt ist. Wissenschaftler weisen außerdem darauf hin, dass die Grenzwerte für Feinstaubpartikel aus der Außenluft nicht ohne weiteres auf die Innenraumluft übertragbar sind.

Teilweise stammen die Belastungen der Innenraumluft auch von außen – z.B. durch Einbringen des Feinstaubs durch Kleidung und Schuhe.

Besonders Schulen seien stark belastet und müssten daher regelmäßig gereinigt werden. Außerdem ist auch das Trinkwasser zum Teil belastet.

Besonders gefährlich sind für Kinder die Schadstoffe, die die Nerven und das Gehirn schädigen, da sich ihr Nervensystem noch in der Entwicklung befindet.

Art und Vorkommen neurotoxischer Schadstoffe

Einige Materialien und deren mögliche schädliche Inhaltsstoffe wurden oben inzwischen angesprochen. Umweltgifte, die in Studien als zum Teil hoch bedenklich für die Entwicklung von Kindern beschrieben werden, sind unter anderem:

  • Aktiv- und Passivrauch,
  • Pestizide aus Insektensprays und Nahrungsmitteln, aber auch Teppichen, Kleidung und Kuscheltieren
  • Blei und weitere Schwermetalle im Trinkwasser aus veralteten Wasserleitungen sowie aus Armaturen und Spielzeug,
  • Holzschutzmittel,
  • Lacke und Kleber (Lösemittel) aus Möbeln, Fußbodenbelägen
  • Formaldehyd aus Pressspanschränken und Desinfektionsmitteln,
  • Synthetische Duft- und Aromastoffe aus Raumsprays,
  • Weichmacher aus Kunststoffen (Spielzeug, Plastikgeschirr), Fugenmassen und Haarsprays,
  • Quecksilber aus Amalgamzahnfüllungen sowie
  • Verkehrsemissionen.

Kinder sind besonders anfällig gegenüber Umweltgiften

Die Entwicklung eines Menschen ist in einigen Phasen besonders von Risiken aus der Umwelt bedroht. Gegenüber den schädlichen Auswirkungen von Schadstoffen sind Kinder deutlich anfälliger als Erwachsene, denn sie haben im Vergleich zu Erwachsenen:

  • eine größere Hautoberfläche relativ zum Körpergewicht,
  • ein größeres Atemvolumen im Verhältnis zum Körpergewicht,
  • eine erhöhte Nahrungsaufnahme relativ zum Körpergewicht,
  • eine höhere Resorption von Umweltgiften im Magen- und Darmtrakt,
  • weniger und unzureichend entwickelte körpereigene Entgiftungsenzyme,
  • eine unvollständig entwickelte Nieren- und Leberfunktion,
  • gerade in jüngeren Jahren ein schlechteres Immunsystem,
  • durch ihre geringe Größe eine stärkere Belastung durch Schadstoffe in Bodennähe:
  • Auch halten sich Kleinkinder häufiger am Boden auf (Krabbelkinder),
  • und Kinder nehmen häufiger Gegenstände und schmutzige Hände in den Mund (Mouthing).

Schädliche Auswirkungen von Umweltgiften

Bully pulling hairNeue Studien haben ergeben, dass Umweltgifte ein weitaus stärkerer Faktor in der Entstehung der Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind, als dies bisher angenommen wird. Eine Reihe sorgfältig geplanter Untersuchungen verweist vor dem Hintergrund nachgewiesener Belastungen von Kindern mit Umweltgiften auf mögliche neurotoxische Schädigungen des kindlichen Gehirns. Die Annahmen, Chemikalien spielten in der Ätiologie der ADHS nur eine eher nebensächliche Rolle, missachten dabei bislang meist die reale Belastung des Kinderalltags mit einer Vielzahl verschiedener neurotoxischer und hormonell wirksamer Schadstoffe.

Umweltgifte und Verhaltensauffälligkeiten

Eine Literaturschau zum Thema ADHS und Umweltgifte, die die Basis des folgenden Absatzes bildet, weist auf eine große Zahl an Untersuchungen hin, die in der Ursachenforschung der inzwischen sehr häufig diagnostizierten Verhaltensauffälligkeit bisher unbeachtet blieben. Einige dieser Umweltgifte verursachen ähnliche Kernsymptome und neurobiologische Auffälligkeiten des kindlichen Gehirns, wie sie auch bei ADHS auftreten.

Blei

Blei tritt nach seinem Verbot als Zusatz im Benzin noch immer aus alten Wasserleitungen aus. Es unterdrückt die Dopamin-Freisetzung und korreliert bereits in geringen Mengen mit den Kernsymptomen des ADHS. Der Bleigehalt in den Haaren von Jungen ist mit einer verminderten Fähigkeit zur Fokussierung der Aufmerksamkeit korreliert. Jedoch sind Messungen der Belastung von Blei im Haar ungenau. Weitere Studien, darunter auch Längsschnittuntersuchungen, zeigen jedoch ähnliche Effekte auch in Bezug auf ADHS-ähnliche Symptomatiken sowie gehäuft zugleich auftretende (so genannte komorbide) Störungen.

Quecksilber

Quecksilber im Blut von Kindern, dessen Hauptaufnahmequelle für Menschen die Zahnamalgame darstellen, korreliert mit dem Auftreten des ADHS nach DSM-IV-Kriterien. Eine Forschergruppe um Prof. Nicolescu fand hingegen in einer Studie an 83 rumänischen Kindern im Alter von 8 bis 12 Jahren zwar einen Zusammenhang zwischen Blei und ADHS nach ICD-10 und DSM-IV-Kriterien, jedoch keinen Zusammenhang mit einer Quecksilberexposition – ebenso war dies bei einer Studie aus Korea der Fall. Die Studien zu Quecksilber und ADHS sind also derzeit widersprüchlich – es besteht weiterer Klärungsbedarf.

Quecksilber ist jedoch ein Speichergift und fand sich bei Obduktionen in Gehirnen von Säuglingen und Kindern. Die Menge des Quecksilbers in den Kindergehirnen korrelierte dabei mit der Anzahl der Amalgamfüllungen der Mütter.

Wie bereits oben erwähnt, ist die pränatale Exposition gegenüber Umweltgiften ein häufig unterschätztes Risiko. Inzwischen weisen viele Zahnärzte, die Amalgam für Erwachsene gleichwohl weiterhin empfehlen, darauf hin, dass dieses zumindest im Milchgebiss von Kindern generell nicht mehr angewendet werden sollte.

Polychlorierte Biphenyle (PCBs)

Polychlorierte Biphenyle treten heute vor allem aus Fugenmassen und Fertigbauteilen aus, die in den 1970er-Jahren verbaut wurden. PCBs stören unter anderem den Dopamin-Stoffwechsel im präfrontalen Cortex des menschlichen Gehirns. Die Höhe der PCB-Exposition korreliert mit einer verkleinerten Hirnregion zwischen der rechten und linken Hälfte des Gehirns (dem so genannten Splenium im Corpus Callosum) sowie mit Aufmerksamkeitsstörungen. Die Fähigkeit zur Hemmung und Steuerung von Impulsen wird durch PCBs gestört. Schüler weisen zudem eine geringere Konzentrationsfähigkeit abhängig von der PCB-Exposition auf.

Phthalate

© Schlierner - Fotolia.com

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Mediale Meldungen über schadstoffbelastetes Kinderspielzeug verweisen häufig auf Blei in den Farben der Produkte hin. Aber auch chemische Weichmacher, v.a. die so genannten Phthalate, spielen eine Rolle. Diese Weichmacher kommen darüber hinaus in vielen alltäglichen Bedarfsgegenständen vor, denn sie machen Kunststoffe biegsam, haben also gewollte, industriell vorteilhafte Eigenschaften.

Ein Forscherteam aus Korea untersuchte die Phthalatkonzentrationen anhand der Umbauprodukte des Urins bei Kindern im Alter von acht bis elf Jahren, und es wurden die Kernsymptome der ADHS erhoben. Zudem untersuchten die Forscher Unaufmerksamkeit und Impulsivität mittels eines Computertests (continuous performance test) sowie den Intelligenzquotienten der Kinder.

Es fand sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen Phthalatbelastungen und den AD(H)S-Kernsymptomen der Kinder. Außerdem zeigten sich diese Zusammenhänge ebenfalls zwischen der Phthalatbelastung und Fehlern in den Computertests. Nach dieser bisher einzigartigen Studie lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen AD(H)S und Phthalatexposition von Kindern feststellen.

Pestizide

© tashka2000 - Fotolia.com

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Die Vielzahl an Pestiziden, denen Kinder über Nahrung und Innenräume ausgesetzt sind, lässt keine genaue Aussage über deren Effekte auf menschliches Verhalten zu. Bestimmte Wirkstoffe, wie etwa das Hexachlorbenzol, zeigen jedoch langfristig eine verstärkende Wirkung auf einzelne Symptome der ADHS. Pestizide auf Phosphatbasis sollten genauer untersucht werden, denn bei „Kindern, die mehr als ein halbes Glas Fruchtsaft pro Tag trinken, lässt sich ein deutlicher Anstieg der Stoffwechselprodukte aus Organophosphaten/ Pflanzenschutzmitteln nachweisen, die als Nervengifte wirken“.

Es bestehen beim Thema ADHS Forderungen nach einer weitaus umfassenderen Ursachenforschung auch in Bezug auf Umweltgifte. Studien zu Umweltgiften und ADHS werden jedoch bisher deutlich seltener zitiert als andere. Dies ist möglicherweise ein Grund, dass die hier beschriebenen Studien bislang kaum bekannt sind.

Jahrzehntelange Speicherung von Umweltgiften im menschlichen Gehirn

© kittisak_taramas - Fotolia.com

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Ein weiteres Problem der Umweltgifte ist ihre zum Teil sehr lange Halbwertszeit. Erstmalig berichtete im Jahr 2009 die Wochenzeitung „Die Zeit“ über Umweltgifte und deren Potenzial, in das menschliche Gehirn zu gelangen. Der Autor Hans Schuh beschreibt zunächst Studien, die unter anderem Kinder untersuchten: „Wissenschaftler aus Mexiko und den USA haben 55 Kinder in der hoch belasteten Metropole Mexico City untersucht und mit sozial ähnlich gestellten Kindern verglichen, die in deutlich saubererer Luft lebten. Sie maßen mit Intelligenztests die geistigen Fähigkeiten und prüften die Hirne im Kernspintomografen. Kinder, die stark verschmutzte Luft atmeten, wiesen auffällig oft kognitive Störungen auf. Informationen verarbeiteten sie langsamer. Ihr Gedächtnis zeigte Lücken, und auch jene Funktionen waren beeinträchtigt, die für das Planen, das Lösen von Problemen und das Fällen von Entscheidungen wichtig sind. Parallel dazu fielen den Forschern in den Kernspinbildern Hirnveränderungen auf. Ein Großteil der Kinder, die in verschmutzter Luft aufwuchsen, wies Schäden in der weißen Hirnsubstanz und Gefäßveränderungen auf.“

Außerdem erwähnt der Autor die Blut-Hirn-Schranke als körpereigenen Schutzmechanismus des Menschen, der verhindern soll, dass Schadstoffe ins Gehirn gelangen und dieses schädigen. Dieser wird heutzutage durchlöchert durch Elektrosmog. Aber das soll ein eigenes Thema werden. Viele Umweltgifte können die Blut-Hirn-Schranke umgehen und einige beschädigen sie sogar. Die schon genannten polychlorierten Biphenyle (PCBs) können beispielsweise über den Riechnerv in das Gehirn gelangen (ebenso wie Quecksilber aus Amalgam). Es zeigte sich zudem im Tierversuch, dass die Messwerte der PCBs bei Versuchstieren im Blut unauffällig waren, während zugleich die Messwerte im Gehirn deutlich erhöht waren.

Der Toxikologe Prof. Dr.Rainer Frenzel-Beyme konkretisiert die Bedeutung dieses Phänomens dahingehend, dass es durch PCB-Grenzwerte in der Atemluft demnach „keine Gewissheit mehr [gibt], dass [eine in bisherigen Studien angenommene] Resorptionskinetik noch zutreffen muss“.

Gemessene Grenzwerte im Blut sind also möglicherweise nicht aussagekräftig für die tatsächliche Organbelastung, die ein langfristig aufgenommenes und im Körper gespeichertes Umweltgift verursacht. Eine Grenzwertdiskussion auf Basis bislang üblicher Messmethoden ist möglicherweise zu ungenau, da die in den Körper aufgenommenen Schadstoffe deutlich höher konzentriert sein können. Mit PCBs sind höchstwahrscheinlich noch mehrere tausend Schulen in den alten Bundesländern belastet, die aus Fertigbauteilen bestehen.

Chemikalien aus Haarspray können Fehlbildungen bei Kindern verursachen

© Kitty - Fotolia.com

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Die irische Forscherin Gillian Ormond untersuchte gemeinsam mit Kollegen mögliche Gesundheitsschäden bei Frauen sowie Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Haarspray ausgesetzt waren. Die Studie, erschienen in der Fachzeitschrift Environmental Health Perspectives, zeigte deutliche Zusammenhänge zwischen Haarspray-Exposition und Missbildungen bei Kindern (Hypospadie – eine Fehlbildung der Genitalien) sowie Unfruchtbarkeit von Frauen.

471 Frauen aus Großbritannien, deren Kinder Hypospadie aufwiesen, wurden untersucht. Über Interviews wurden verschiedene Faktoren am Arbeitsplatz sowie des Lebensstils erfasst. Eine Kontrollgruppe von 490 Frauen mit Kindern ohne Geburtsschäden diente zum Vergleich. Schwangere, die Haarspray ausgesetzt waren, hatten dabei ein dreifach erhöhtes Risiko, Kinder mit Hypospadie zu bekommen. Als Ursache der Geburtschäden werden chemische Weichmacher vermutet, die so genannten Phthalate. Diese sind in vielen Haarsprays enthalten und tragen verschiedene Namen. Daher ist nicht immer sofort erkenntlich, welche Produkte gerade diese Stoffgruppen enthalten.

Zudem ist ebenso aufgrund weiterer Chemikalien zur Vorsicht bei Haarkosmetika zu raten. Haarsprays enthalten häufig Kunststoffverbindungen, z.B. Methylmetacrylat, das in Alkoholen gelöst in den Dosen steckt. Beim Aufsprühen auf die Haare härten diese schnell aus, was zum Effekt des „langen Halts“ führt. Jedoch können sowohl chemische Weichmacher als auch Kunststoffe leicht in den menschlichen Organismus gelangen. Als Allergieauslöser sind diese Schadstoffe längst bekannt.

Weitere Langzeitfolgen bei dauerhafter Anwendung zeichnen sich wie durch die beschriebene Studie durchaus ab, denn Gesundheitsschäden sind ebenso aufgrund der endokrinen Wirkung von Phthalaten wahrscheinlich. Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch sollten daher vorsorglich kein Haarspray verwenden, um Geburtsschäden ihrer Kinder möglichst zu vermeiden. Zudem weisen neuere Studien auch auf eine mögliche Rolle von Phthalaten in der Entstehung des ADHS hin.

Schutz von Kindern vor Umweltgiften

Die beschriebenen Informationen sind durchaus Besorgnis erregend. Gleichwohl besteht eine Vielzahl von Möglichkeiten, die genannten Umweltschadstoffe im Kinderalltag zu beseitigen und zu vermeiden

© Christian Schwier - Fotolia.com

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  1. Regelmäßiges Lüften (mind. 2 x täglich) der Wohn- bzw. Aufenthaltsräume verringert den Schadstoffgehalt der Raumluft deutlich.
  2. Böden sollten mit klarem Wasser regelmäßig feucht gewischt werden (Teppiche sind fast immer mit bioziden Wirkstoffen behandelt).
  3. Niemals darf in Innenräumen und Autos, in denen Schwangere und Kinder sich aufhalten, geraucht werden. Schwangere selbst sollten umfassend beraten und auch bei einer bereits bestehenden Schwangerschaft vom Nikotin entwöhnt werden. Dies zeigte durchaus beachtliche Erfolge, wenngleich im Jahr 2007 noch immer jede fünfte Schwangere rauchte.
  4. Auch Insekten- und Raumsprays sollten im Innenraumbereich nicht angewandt werden, da sie häufig Pestizide oder bedenkliche Duftstoffe enthalten.
  5. Trinkwasser aus dem Wasserhahn sollte man zur Minimierung des Schwermetallgehaltes morgens etwas länger (1 l) und sonst kurz (250 ml) ablaufen lassen. Danach ist der Gehalt an Schadstoffen aus den Wasserleitungen und Armaturen weitgehend unbedenklich. Bleileitungen müssen langfristig ausgetauscht werden.
  6. Da jedoch eine Vielzahl von Umweltgiften im Trinkwasser gar nicht überprüft werden, empfiehlt sich zum Kochen und Trinken ein guter Kohle-Keramikfilter, der Pestizide, Weichmacher und Hormone zurückhält.
  7. Kinder, Frauen mit Kinderwunsch, Schwangere und Stillende sollten keine neuen Amalgamfüllungen in die Zähne gelegt bekommen. Ehemalige Zahnarztpraxen dürfen nicht mehr als Wohnungen genutzt werden.
  8. Möbel in Wohnungen mit Kindern sollten vorsorglich aus unbehandeltem Massivholz bestehen. Von Spielzeugherstellern kann eine Garantie der gesundheitlichen Unbedenklichkeit des jeweiligen Produktes verlangt werden. Auch lohnt es sich, die verschiedenen Umwelt-Prüfsiegel zu berücksichtigen.
  9. Generell sollten neue Produkte im Rahmen aller Möglichkeiten mit Bedacht gekauft werden, da nicht selten geltende Grenzwerte bei den verwendeten Chemikalien überschritten werden.
  10. Lebens- und Nahrungsmittel für Kinder sollten vorsorglich pestizidfrei sein. Diese Hinweise können und müssen in der Praxis sowohl Betroffenen als auch Schwangeren und in der Praxis tätigen Pädagogen vermittelt werden.
  11. Die Belastungen in den Wohnungen mit Elektrosmog sollten reduziert werden. Vorsicht mit Handys bei Kindern. Babyphones nur für Notfälle und weit vom kindlichen Kopf entfernt aufstellen. Bei elektronischen Spielen und Fernsehern ausreichende Entfernung zum kindlichen Kopf einhalten.

Zur Minimierung und Beseitigung von bekannten Risikofaktoren des ADHS sind neben den genannten verhaltensbezogenen Maßnahmen freilich auch gesetzliche Verbote der als schädlich erkannten Umweltgifte notwendig.

Der vorliegende Artikel stellt eine Überarbeitung eines 2010 auf der Homepage www.familienhandbuch.de veröffentlichten Textes dar. Wegen der besseren Lesbarkeit des Textes wurde auf das Einfügen der Literaturangaben verzichtet. Das Literaturverzeichnis können Sie hier als pdf herunterladen.

Inzwischen gibt es eine ADHS-Selbsthilfegruppe in Deutschland mit über 250 lokalen, ehrenamtlich fungierenden Gruppen. Sie berichten über aktuelle Studien, beraten Jung und Alt über ADHS (auch telefonisch!), vermitteln Wissen in einer eigenen Zeitschrift „Neue Akzente“ und Vieles mehr. Schauen Sie sich einfach den Webauftritt einmal an!

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In meinem Buch „ADHS durch Umweltgifte“ finden Sie die ausführliche Datenlage mit den entsprechenden Literaturangaben. Sie können es beziehen über den Nachfolger des IKS Garamond-Verlags, der Format Publishing GmbH (Bestellung über: a.wieser@format-jena.de). Darin sind auch Produktinformationen angegeben und Tabellen, die die Zusammenhänge zwischen den Umweltgiften und der Gehirnentwicklung deutlicher machen.

Weitere Buchempfehlungen zu diesem Thema von der Redaktion

Für diejenigen von Ihnen, die als Therapeuten und Naturwissenschaftler die neusten Erkenntnisse der Neurowissenschaft erfahren wollen, kann ich das Buch „Umweltschadstoffe und Neurodegenerative Erkrankungen des Gehirns (Demenzerkrankungen)“ des Biologen Dr. Hans-Ulrich Hill empfehlen. Denn die Wirkung der Umweltschadstoffe auf unser Gehirn ist ja nicht auf die Kinder beschränkt, sondern es geht auch uns Erwachsene an. Immer häufiger und immer früher leiden wir an Depressionen, Burnout, Demenz, Parkinson und weiteren Nervenkrankheiten. Auch hier gilt es zu erkennen, dass immer Umweltbelastungen mitspielen.

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Schließlich noch ein Buch des Arztes Dr. Joachim Mutter: „Lass Dich nicht vergiften“ fordert er uns auf. Er beschreibt darin, auch für Laien sehr verständlich, warum uns welche Umweltgifte krank machen. Und er zeigt genau auf, wie wir der schleichenden Vergiftung entgehen können und mit verschiedenen Ausleitungsverfahren und Stärkung der Selbstheilungskräfte wieder gesund werden können.

Über den Autor

Dr. des. Ulf Sauerbrey, Erziehungswissenschaftler am Institut für Bildung und Kultur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Fröbelforschung und der Erziehungsratgeberforschung sowie in der interdisziplinären Auseinandersetzung mit abweichendem Verhalten (insbesondere ADHS). Er analysiert dabei vor allem Aspekte der Kinderumwelt und deren Auswirkung auf die kindliche Entwicklung.

Kontakt

Dr. des. Ulf Sauerbrey
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Bildung und Kultur
Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik
und Theorie der Sozialpädagogik
Am Planetarium 4
07737 Jena
u.sauerbrey@gmx.net
www.kindheit-und-umwelt.net

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