Multiple Chemikaliensensibilität hat auf der ganzen Welt zugenommen. Ein Betroffener schildert in seiner Autobiographie seinen Leidensweg und weckt Mut, den eigenen Gesundungsweg zu gehen.

Umweltgifte im Körper
© freshidea fotolia

Chemikaliensensible Menschen gibt es auf der ganzen Welt, zu Millionen, speziell in den Industrieländern. Sie fristen oft ein Dasein, das an Dramatik kaum zu überbieten ist. Ich bin einer von ihnen. Mein Sein als gesunder, lebenshungriger Mensch scheint in einem anderen Leben stattgefunden zu haben. Mit 46 Jahren wurde meine Lebensuhr wieder auf Null gestellt, und ich musste mich von all dem verabschieden, was mich früher als Mensch ausgemacht hatte.

Frühe Anzeichen für MCS

Die ersten Anzeichen für diese Veranlagung/Krankheit zeigten sich schon viele Jahre vor dem endgültigen Zusammenbrechen. Die ersten unangenehmen Erlebnisse mit Chemikalien machte ich bereits als Kind. Mein Vater musste mit mir einst fluchtartig eine Berghütte verlassen, da diese eben erst mit einem Holzschutzmittel behandelt worden war. Zusätzlich waren einige Mauerteile frisch gestrichen worden. Kopfschmerzen, Schwindel, Atemnot und tränende Augen waren die Folgen davon.

Ähnliche Vorkommnisse ergaben sich im Laufe meines Lebens hie und da, aber meistens in sehr abgeschwächter Form, und ich schenkte ihnen keine große Beachtung, hinterfragte die Unpässlichkeiten selten. Erst als die gesundheitlichen Probleme stärker wurden und sich grippeähnliche Symptome über Wochen hinzogen, fing ich an, mir Gedanken zu machen. Dazu häuften sich die Schmerzattacken, ausgelöst durch chronische Entzündungen, in meinem ganzen Körper.

Als Tänzer und Tanzlehrer war ich Schmerzen gewohnt, resultierend aus Verletzungen und Überforderung des Körpers. Aber diese neue Art des Schmerzes ließ sich nicht eingliedern. Immer öfter fühlte ich mich erschöpft und ausgelaugt, depressive Stimmungen erschwerten mir zusätzlich das Leben. Das war ich von mir bisher nicht gewohnt gewesen.

„Psychosomatisches Krankheitsbild“ statt MCS

Depression © Dr. Hilly Kessler

Es folgte eine Odyssee von Arzt zu Arzt, von Spezialist zu Spezialist. Keine greifbaren Ergebnisse, hie und da unstabile Blutwerte, die nicht zu erklären waren. Ich lebte seit vielen Jahren in einer schwierigen Beziehung, und einige Ärzte stürzten sich so gerne auf dieses Thema und versuchten meine gesundheitlichen Probleme damit zu erklären. Psychosomatisches Krankheitsbild! So einfach kann man es sich machen, wenn man sonst nicht fündig wird! Ich konnte es nicht fassen und vermied es fortan, mich mit solchen Diagnosen abzugeben, und wechselte die Ärzte.

Ich war unterdessen nur noch ein Schatten meiner selbst. Mal heftig abgemagert, mal aufgedunsen und voller Wasser. Nach einer medizinischen Untersuchung mit Kontrastmitteln klappte ich zusammen und musste notfallmäßig behandelt werden. Allergischer Schock!

Für eine Magenspiegelung wurde mir ein Beruhigungs- und Entspannungsmedikament verabreicht. Bereits 20 Minuten nachher wäre ich in dieser Praxis am liebsten aus dem Fenster gesprungen. Es dauerte ganze 6 Wochen, bis mein Körper dieses Medikament und die daraus entstandenen Abfallstoffe wieder ausgeschafft und entsorgt hatte. Wochen, die gekennzeichnet waren durch schwerste Depressionen. Auf Anfrage beim Magenspezialisten wurde mir mitgeteilt, dass solche Nebenwirkungen nicht bekannt seien.

Nach einem Jahr musste ich diese Untersuchung nochmals wiederholen und teilte dem Arzt mit, dass ich dieses Medikament auf keinen Fall wieder einnehmen würde. Er beruhigte mich und teilte mir mit, dass dieses Produkt unterdessen vom Markt genommen worden sei; genau wegen der mir bestens bekannten Nebenwirkungen. Immer häufiger verzichtete ich deshalb auf Medikamente; sie halfen nur selten, aber die Nebenwirkungen kamen oft postwendend.

Das waren meine Lebenspläne

Tänzerin in der Tanzschule © Dr. Hilly Kessler

Ich versuchte weiterhin mein übervolles Arbeitspensum zu schaffen. Viele Unterrichtsstunden, Verpflichtungen als Choreograf, und gerade hatte ich auch noch weitere Ausbildungen zum Körpertherapeuten in Angriff genommen und teilweise mit Erfolg abgeschlossen. Ich plante, eine meiner Schulen später in ein Therapiezentrum umzubauen. Meine Zeit als Tanzlehrer würde in absehbarer Zeit zu Ende gehen, die Abnützungserscheinungen waren offensichtlich. Dazu die zusätzlichen, nicht erklärbaren Schmerzen durch Entzündungsherde.

Zusammenbruch des Immunsystems bei MCS

Unter einer meiner Schulen befand sich eine Druckerei, und die immer wieder auftretenden Lösungsmittelemissionen machten mir zu schaffen. Dazu war eine meiner Schulen vom Hausbesitzer mit Holzspanplatten teilrenoviert worden. Formaldehyd!

Immer noch suchten die Mediziner nach Ursachen für meine körperlichen Beschwerden. Schlussendlich kam man in einem Spital auf die glorreiche Idee, man könnte mich doch mal präventiv (zur Sicherheit) mit Antibiotika behandeln; dabei lag nirgendwo ein bakterieller Befund vor. Nach monatelanger Behandlung mit verschiedenen Antibiotika brach mein Immunsystem endgültig zusammen und ich musste mich von meinem ganzen bisherigen Leben verabschieden.

Ich verlor anschließend fast jegliche Toleranz gegenüber vielen Chemikalien. Mein Körper hatte die Entgiftung vollständig eingestellt. Ich wog gerade noch 46 Kilo, meine Leber war stark geschädigt, und ich hatte am ganzen Körper schwere Gefäß- und Nervenentzündungen.

Unverträglichkeiten von Duftstoffen und Nahrungsmitteln, Histaminintoleranz bei MCS

Immer mehr reagierte ich heftig auf Duftstoffe; sei es in Wasch- und Putzmitteln oder in Parfums. Längst hatte ich selber auf all diese Produkte verzichtet.

Lebensmittel, die Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker und Farbstoffe intus hatten, waren für mich längst tabu! Mein Körper bestrafte nun jeden Fehltritt. Überhaupt war essen zu einem großen Problem geworden. Ich vertrug kaum noch etwas, und man stellte zusätzlich fest, dass ich Histamin intolerant war. Immer mehr begriff ich, um was es ging, und versuchte mein ganzes Leben umzustellen.

Überlebensversuch bei MCS

Urs mit Hundebegleiter © Schärz

Meinen Beruf und meine Schulen musste ich aufgeben, die Freunde waren weniger geworden. Meine schwierige und kräfteraubende Partnerschaft hielt dem Druck der Probleme auch nicht stand. Alleine, schwer krank und am Existenzminimum angelangt versuchte ich, wieder auf die Beine zu kommen. Mit meinem treuen Hund verbrachte ich die nächstens Jahre vor allem in der Natur. Ich brauchte saubere Luft, angereichert mit viel Sauerstoff, um überhaupt noch entgiften zu können. Den Emissionen aus der Landwirtschaft musste ich aber ausweichen; Pestizide und Gülle lösten bei mir heftige Beschwerden aus.

  • Isolation, Einsamkeit, Verlust der Existenzgrundlagen und ein Leben, das über weite Distanzen keines mehr ist, sind die Folgen von MCS.
  • Sich fernhalten von all den Alltagschemikalien; und somit auch von einem großen Teil der Mitmenschen.
  • Die ewige Suche nach einem Lebensraum, wo auch unsereins überleben kann; unter einigermaßen menschenwürdigen Bedingungen.
  • Viele Betroffene sind dazu auch noch enorm elektro- und strahlensensibel. Mich betrifft das auch.

Häufigkeit und Ursachen von MCS

Unterdessen wusste ich, was Sache war. MCS, eine Multiple Chemikaliensensibilität, war die Ursache meiner Probleme! Ich las im Internet alles, was es über dieses Thema zu lesen gab. Als häufige Auslöser für MCS gelten unter anderem: Lösungsmittel, Pestizide, Medikamente, Formaldehyd. Meine Form der Chemikaliensensibilität betrifft heute unsagbar viele Menschen auf der ganzen Welt. Allein in den USA waren es bereits vor Jahren zwischen 30 und 40 Millionen Betroffene, die Dunkelziffer ist nicht bekannt.

Proportional sind die Zahlen in fast allen Industrieländern dieser Welt ähnlich. Man geht davon aus, dass 15% bis 30% Prozent der Gesamtbevölkerung betroffen sind; vier bis sechs Prozent schwer. In den noch verhältnismäßig unberührten Kontinenten und Ländern, wo die Menschen oft noch viel natürlicher leben und bessere Umweltbedingungen haben, gibt es diese Art von Erkrankungen kaum. Das sagt doch eigentlich alles und macht jeden weiteren Kommentar überflüssig.

Unsere Umwelt ist immer mehr belastet, und sie wird dadurch für viele Menschen, und auch für die Tiere, zu einer großen Herausforderung. Ich habe ein schlechtes Entgiftungssystem und kann deshalb all den „Schrott“, den ich tagtäglich unfreiwillig aufnehmen muss, nur zu langsam ausscheiden. Genetische Dispositionen werden diskutiert und sind naheliegend; in meinem Fall auch. Bereits meine Oma und meine Mutter litten unter ähnlichen Problemen. Die Anzahl der Menschen mit Autoimmunerkrankungen nimmt beängstigend schnell zu.

Diese Erkrankungen können Zeichen von MCS sein

  • autoimmune Schilddrüsenerkrankung (Hashimoto),
  • Osteoporose,
  • Leberprobleme,
  • Diabetes,
  • chronische Gefäß- und Nervenentzündungen,
  • geschwächtes Immunsystem.

Das alles sind meine aktuellen gesundheitlichen Probleme. Die damalige, unverantwortbare Antibiotika-Behandlung hatte mich endgültig zu Fall gebracht.

MCS, ein jahrzehntelanger Kampf für bessere Lebensqualität

Über dem Nebel scheint immer irgendwo die Sonne und es besteht Hoffnung! © Schärz

Aber ich habe überlebt und mich irgendwie arrangiert mit meinem neuen Leben. Und ich mache immer noch Fortschritte und freue mich riesig über jede Verbesserung.

Es hat gedauert bis zu den ersten Erfolgen und gesundheitlichen Verbesserungen, über 15 lange Jahre!

Mein Sein vor dem Erkranken scheint sich in einem anderen Leben abgespielt zu haben. Ein Künstler im Tanzbereich, Erfolge als Choreograf und Regisseur für Theater und Fernsehen (eigenes Tanzensemble), ein Tanzlehrer der an seinen mit Liebe aufgebauten Schulen unterrichtete und in seinem Wirken ein erfülltes Leben fand.

Privat war und bin ich der totale Beziehungsmensch und gab/gebe auch dort alles. Dazu Haus, Garten und viele Tiere. Als junger Mann begleitet ich tagtäglich meine alte, kranke Oma, die auch bei mir lebte. Ich war beruflich viel unterwegs und bereiste viele Länder. Ich habe einige Ausbildungen im körpertherapeutischen Bereich gemacht; für später, nach der Zeit als Tänzer und Tanzlehrer.

Doch es sollte „keine Zeit“ nach meiner Künstler-Karriere geben.

Ich und all das, was zu mir gehörte, verschwand in einem großen schwarzen Loch. Ich wurde krank, und es schien keine Hoffnung auf eine Genesung zu geben. Doch als ehemaliger, disziplinierter Tänzer und Kämpfer wollte ich mich nicht so schnell geschlagen geben.

Es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben, da bin ich wieder!
Immer noch etwas flügellahm, aber daran arbeiten wir weiter!

Was bei MCS helfen kann

In meiner Autobiografie erzähle ich, was mir speziell geholfen hat, wieder auf die Beine zu kommen; es ist mein ganz persönlicher Weg gewesen. Mein Weg weg von all der Chemie, zurück zu gesunder BIO-Nahrung, selbstgekocht und frisch, wie noch von der Oma gelernt. Keine „schulmedizinischen» Medikamente mehr, zurück zur Natur und den sich daraus eröffnenden alternativen Möglichkeiten.  Gute Luft und  ganz viel Natur….und Ruhe, so wenig Stress wie möglich. Dem Körper die Zeit lassen, um auf natürliche Art zu regenerieren und zu entgiften. Und immer wieder daran glauben, dass ein Gesunden möglich ist…es unbedingt wollen! Ich denke gerade bei MCS muss jeder SEINEN Weg finden, da jeder von uns verschieden ist.

Kanarienvogel © Gelpi fotolia

Was ist ein Menschenleben wert?
Wer trägt die Verantwortung?
Schlussendlich wir selber; denn die anderen waschen ihre Hände in Unschuld.

Man nennt uns chemikaliensensible Menschen oft Kanarienvögel. Diese Tierchen wurden früher in die Bergstollen mitgenommen. Wenn Sie tot von der Stange fielen, mussten die Bergbauarbeiter schnellstens die Stollen verlassen, weil die Methangasansammlung zu groß geworden war. Wir wären also die Warnvögel für die noch gesunden Menschen, doch leider hört uns kaum jemand. Das muss sich noch ändern; denn es kann jeden treffen!

Über den Autor

Urs Beat Schärz wurde 1953 in Bern geboren und lebt in der Nähe von Solothurn. Nach seiner Ausbildung im Tanzbereich (Bern, Zürich, London, Paris und New York) arbeitete er als Tänzer, Choreograf, Regisseur und unterrichtete an seinen eigenen Schulen. Der Autor ist ausgebildeter Körpertherapeut.

Kontakt

Urs Beat Schärz
Balmweid 13
4525 Balm b.G.
Schweiz
e-mail: ursschaerz@bluewin.ch
Tel. 0041 (0)32 637 21 41

Buchvorstellung vom Autor und der Redaktion

Vergiftet und vergessen. Wie mich die Umwelt krank machte

In diesem Webmagazin ist es mir ein großes Anliegen, Sie immer wieder für krankmachende Umwelteinflüsse zu sensibilisieren. Denn wenn man einmal den wahren Ursachen seiner Erkrankung nachspürt und sie im Umweltbereich findet, kann das wirklich der erste Schritt zur echten Gesundheit sein. So berichtete Ihnen 2014 ein Todkranker mit ALS über seinen Heilungsweg. Blättern Sie auch im shop, wo es einige Bücher zu Umweltthemen gibt.

Bereits Ende letzten Jahres hatte mich Urs Schärz auf sein Buch aufmerksam gemacht. Da ich den Eindruck hatte, dass Umweltthemen bei meinen Leserinnen nicht so besonders gut ankommen, ich außerdem eine ganze Reihe von Artikeln über Frauenbeschwerden bekommen hatte, stellte ich dieses Buch mit der Leidensgeschichte eines Mannes erstmal zurück. In seiner letzten mail berichtete er mir von einem ganz schweren Rückfall, ausgelöst durch eine Herbizid-Spritzung auf dem Nachbargrundstück. Das können wir leider alle täglich erleben. Also passen Sie bitte auf sich auf!

Tagtäglich werden wir damit konfrontiert, wie unsere Umwelt zerstört wird. Noch hören wir nur von Bienensterben, Amselsterben, Zunahme von Allergien, Hashimoto, Krebs. Es fällt uns schwer, die Zusammenhänge unserer Erkrankungen mit Lebensstilfaktoren, Pestiziden, wertlosen Nahrungsmitteln zu akzeptieren. Vielleicht geht uns da die Geschichte eines MCS-Kranken doch mehr unter die Haut, rüttelt uns wach, damit wir uns nicht mehr alles gefallen lassen, damit wir unsere eigenen Wege zu besserer Gesundheit gehen. Und das gilt nicht nur für MCS-Kranke, sondern für jeden von uns.

Lesen Sie hier, was der Autor selber zu seinem Buch sagt.

Unsere Umwelt wird für viele Menschen immer schwerer verdaubar; körperlich und auch psychisch. Chemikalien und zu viel Verstrahlung sind für uns alle Alltag; leider! Es ist wichtig sich dessen bewusst zu sein und vermehrt zu hinterfragen und nach Möglichkeiten für einen anderen, gesünderen Lebensweg zu suchen. Oft sind wir uns nicht bewusst, wie schnell sich der Traum von einem gesunden, erfüllten und glücklichen Leben in Luft auflösen kann. Durch meine Geschichte möchte ich die Menschen aufmuntern, wieder vermehrt „ihre Lebensgeschichte selber zu bestimmen und sich nicht bestimmen zu lassen“ ; in jeder Beziehung, auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Gesundheit ist ein unabdingbares Gut, um ein erfülltes Leben zu führen.

Das Leben ist ein Wunder. Sonnenbogen in den Schweizer Bergen 2017 © Ursula Stumpf

Wir MCS-Kranken haben alle viele Berührungspunkte, die gleichen Probleme und Schädigungen, aber die Wege, wieder etwas nach oben zu kommen, sind sehr individuell. Es hängt vieles von der Art und Persönlichkeit des Betroffenen ab und ob er eine Konstitution und Lebenseinstellung hat, die ihm diesen Weg erleichtert. Mein Buch soll Mutmachen. Klar werde ich immer wieder nach Details gefragt, von MCS’lern aber auch von vielen anderen sensiblen Menschen, die ihre Probleme mit der Umwelt haben, was sie noch machen können, und wie sie leben sollen. So viele gehen aber auch in meiner ganz persönlichen Geschichte auf. Meine damalige, unvergessene  Hundebegleiterin, die Giuseppina, wächst allen ans Herz, und ich werde oft auf sie angesprochen. Und da ich auch meine damalige Borderline-Beziehung thematisiere, schliesst sich der Bogen. Denn auch solche Dinge können uns zusätzlich vergiften neben all den chemischen Substanzen.

Haben Sie schon von MCS gehört? Haben auch Sie den Verdacht, dass Ihre Beschwerden mit Umweltbelastungen zu tun haben könnten? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar!

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