Mehr als ein Waldspaziergang erschließt uns das Wissen über die Mythen der Bäume den Zugang zu unseren eigenen Wurzeln.

Kurpark Waldbronn

Der Wald und seine Bäume – sie wachsen sich gerade in ein neues Bewusstsein in unsere Herzen und Gemüt hinein. Bäume tun nicht nur gut, sie halten uns auch gesund und vital. „Waldbaden“ heißt jetzt das, was vorher ein „Waldspaziergang“ war. Studien und Untersuchungen bestätigen zuhauf, was wir tief drinnen eigentlich ganz genau wissen: der Wald führt uns zurück in die Natur und damit auch zurück zu uns selbst und zu unseren eigenen Wurzeln. Gäbe es den Wald nicht, gäbe es uns Menschen nicht.

Bäume prägen das Bild unserer Landschaft und die Gewohnheiten und Bräuche der Bewohner. In dem Buch „Mythische Bäume“ beschreiben zwei Autorinnen und ein Autor die bei uns häufigsten 15 Bäume und geben zwischen Fakten, Geschichten und Erlebnissen auch ihre Begeisterung weiter.

  • Andreas Hase erzählt als Baumkenner und Baumliebhaber, wie ihr Holz genutzt wurde und wird,
  • Vera Zingsem gräbt als Mythenforscherin Überliefertes, Rituale und Bräuche über sie aus und die
  • Heilpraktikerin Ursula Stumpf findet viele Rezepte und überlieferte Anwendungen für die Heilkraft der Bäume.

An zwei Beispielen stelle ich Ihnen in Kurzform das Besondere zweier verschiedener Bäume dar.

Die Buche

Junge Buchenblätter

Die Buche ist die unbestrittene „Königin des Waldes“. Eine ausgewachsene Buche kann bis zu 600.000 Blätter tragen und über 300 Jahre alt werden. Aus ihrem Holz schnitzte Johannes Gutenberg im Jahre 1450 den ersten Buchstaben. Es ist nicht übertrieben, das Folgende eine revolutionäre Entwicklung zu nennen: ohne Buche keine Buchstaben, ohne Buchstaben keine Bücher, ohne Buchstaben kein Laptop….

Ein Gang durch einen Buchenwald hat bei jedem Wetter, egal ob Sommer oder Winter, und zu jeder Tageszeit etwas Erhabenes, Großes, Aufrichtendes. Es ist ein Weg durch eine Säulenhalle der Natur. Die hoch gewachsenen grauen und glatten Stämme der Buchen erinnern an die Säulen gotischer Kathedralen und Dome.

Erst mit ungefähr 60 Jahren fängt eine Buche an zu blühen, und blüht auch dann nur alle 5-8 Jahre. Edward Bach verarbeitete diese Blüten zu seiner Essenz „Beech“, eine Essenz für Menschen, die sehr kritisch mit sich selbst und anderen umgehen. Beech führt von Kritik zur Akzeptanz, von Vorurteilen zum Mitgefühl, von Abwehr zum Verständnis und hilft, mehr Toleranz zu entwickeln. Und damit passt sie sehr gut in unsere Gegenwart.

Essen aus dem Wald

Buchenzwerg

Der botanische Name der Buche – Fagus sylvatica – bedeutet so viel wie „Essen, das aus dem Wald kommt“. Dieser Baum hält körperliche und seelische Nahrung für Menschen und Tiere bereit. Im Frühling erfrischen die jungen sich entfaltenden, hellgrünen Blätter jeden Wanderer oder Salatfreund. „Esslaub“ wurde es in alten Zeiten auch genannt.

Wird ein Likör aus diesen Blättern bereitet und ein Gläschen davon vor dem Schlafengehen getrunken, erzählt er von der Ruhe des Waldes und führt in einen erquickenden Schlaf. Ein Schlafkissen, gefüllt mit diesen getrockneten Blättern, entfaltet die gleiche Wirkung – und das alkoholfrei.

Die unzähligen jungen Buchenkeimlinge, die ab Mai unter den Mutterbäumen zu finden sind, sind ebenfalls essbar. Sie schmecken am besten, wenn noch die raue, braune Hülle der Buchecker aus dem letzten Herbst als Haube auf den beiden Keimblättern sitzt. Wie kleine Zwerge, die gerade ihre Höhle verlassen, sehen sie dann aus.

Im Sommer an heißen Tagen spendet so eine Buche Schatten und Erfrischung. Bei einem plötzlichen Gewitterregen bietet sie Unterschlupf und Schutz, denn unter ihrem dichten Blätterkleid bleibt es erstaunlich lange Zeit trocken.

Später im Herbst ernähren sich die Tiere des Waldes von ihren Früchten, den Bucheckern. Diese dreieckigen Nüsschen schmecken Wildschweinen, Eichhörnchen, Vögeln und … auch Menschen. Ein kleines Säckchen voll davon zu sammeln ist wie eine Meditation und lässt die Zeit vergessen. Zuhause werden die Früchte geröstet, mit ein wenig Salz bestreut und zu einer leckeren und gesunden abendlichen Knabberei.

Die Birke

Birkenhain

Wäre die Birke ein Musikinstrument, sie wäre eine Harfe, so zart und zerbrechlich klingt das Konzert ihrer hellgrünen Blätter im Frühling. Wiegt sie sich sacht im Wind, sieht sie aus wie eine liebevoll erzählte Gutenacht-Geschichte. Andere Bäume mögen wirken, als würden sie in den Himmel wachsen. Die Birke aber weckt den Anschein, als würde sie uns aus dem Himmel entgegenwachsen – und eine Brücke bauen. Die Birke ist immer weiblich, immer zart. Selbst im heftigen Sturm bewegt sie sich grazil und elegant, manchmal wie eine Balletttänzerin im Spiel mit Licht und Lüften, manchmal wie eine Zauberin zwischen Magie und Macht.

Die Birke ist der Baum des Nordens. Hitze verträgt sie wesentlich schlechter als extrem tiefe Temperaturen. Sie ist bis zu – 36 Grad frosthart, selbst die jungen Blätter vertragen bis zu – 6 Grad. Als Pionierbaum erobert sie ganze Landschaften, sammelt Humus an, senkt so die Spätfrostgefahr für andere Bäume und bereitet den Boden für mächtige Mischwälder, die nach ihr kommen.

Birkenrinde

Bereits Jahrhunderte vor der Erfindung herkömmlichen Schreibpapieres wurde Birkenrinde als Schreibuntergrund genutzt. Von Sibirien über Kamtschatka, von China bis Sri Lanka, in den höchsten Gebirgszügen der Welt und den weiten Tiefebenen der Mongolei wurden Werke auf Birkenrinde gefunden, manchmal nur Fragmente, manchmal umfangreiche Bücher. Was bei uns die Buche bewirkte, nämlich die Entwicklung von Schriftzeichen und Buchstaben, das vermittelte die Birke in Asien.

Bei Ötzi, dem weltbekannten Mann aus dem Eis, wurden zwei Dosen aus Birkenrinde gefunden. In der einen transportierte er überlebenswichtige Glut und in der anderen bewahrte er seine Essensvorräte auf. Die antiseptische Wirkung des in der Rinde enthaltenen Betulins machte sie zum idealen Aufbewahrungsort für Lebensmittel, weswegen auch heute noch beispielsweise Brotdosen aus der Rinde hergestellt werden.

Heilkräfte ins Fließen bringen

Die Germanen bohrten im Frühling ein Loch in den Stamm einer Birke, steckten einen Strohhalm als „Wasserleitung“ hinein, banden einen Behälter – vielleicht aus Birkenrinde – darunter und fingen so den Saft auf. Sie tranken ihn als belebenden Frühlingstrank, der Gesundheit und neue Lebenskräfte brachte. Die moderne Wissenschaft hat die Inhaltsstoffe erforscht: Invertzucker, Pflanzensäuren, Salze, Eiweiße, Wachstumsfaktoren, Mineralstoffe wie Kalium, Natrium, Magnesium und Spurenelemente wie Selen, Chrom, Eisen, Kupfer und Bor. Heute verwendet ihn die Kosmetikindustrie in Haarwässern, Shampoos und als Tonikum für die Kopfhaut.

Birkenkätzchen

Nicht nur der Saft, sondern auch die jungen Knospen (Betulae gemmae) sind gesund. Ab März, sobald sie anfangen zu treiben und knapp einen Zentimeter lang sind, können Sie sie ernten. Ihr zartes Inneres ist noch von kleinen, dachziegelartig angeordneten braunen Schuppen mit grünem Rand geschützt. Stecken Sie eine Knospe zum Probieren in den Mund und zerkauen Sie sie langsam und gründlich. Das Geschmackserlebnis entfaltet sich von mild über leicht herb bis hin zu einer nussigen Note. Birkenknospen haben eine ähnliche Wirkung wie der frische Saft – schließlich ist er es ja, der sie anschwellen lässt.

Die geballte Frühlingskraft der Knospen steckt obendrein voller Medizin: sie senken Fieber, fördern das Schwitzen, bessern Erkältungen und vertreiben den Husten. Ihr Harz desinfiziert und reinigt und machte die Knospen in alten Zeiten zu einem geschätzten Wundheilmittel.

Tee wirkt besser als eine Tinktur

Birkenblätter

Nicht nur zur Stärkung von Blase und Niere, auch für den „inneren Frühjahrsputz“ empfiehlt sich eine Teekur mit Birkenblättern. Trinken Sie 2 Frühlingswochen lang täglich 1 l Tee aus frischen Birkenblättern und zusätzlich noch mindestens 1 l reines Wasser. Das reinigt den Körper und bringt neue Energie. Auch Fastentage können Sie damit wunderbar begleiten.

Und so geht´s:

Übergießen Sie 1 TL Blätter mit 250 ml kochendem Wasser, und lassen Sie alles 15 Minuten lang zugedeckt ziehen. Trinken Sie davon 3-4 Tassen pro Tag. Überschüssigen Tee verwenden Sie als abendliches Gesichtswasser oder als Kompresse bei Hautunreinheiten. Auch Haare und Kopfhaut bedanken sich für eine „Birken-Tee-Massage“ mit neuer Kraft und lebendigem Glanz.

Baum von Neugeburt und Wandel

Brigid, die strahlende Göttin des Nordens, wird in der weißen, im Licht strahlenden Birke verehrt. Sie gilt als die Hüterin der Quellen, des lebendigen Wassers, das zugleich heilt. Ihre Quelle der Weisheit macht sie zur Schutzherrin der Dichtkunst, einer Kunst, von der man sich zugleich Heilung versprach.

Als zweites Element wird ihr das Feuer zugedacht, und auch das passt ausgezeichnet zur Birke. Nichts brennt besser als Birkenrinde. Selbst in nassem Zustand ist sie noch entzündbar. Das Feuer steht einerseits für die Flamme der Begeisterung, mit der sie den Schnee zum Schmelzen bringt. „Wohltätig ist des Feuers Macht …“ – auch beim Ausüben der Schmiedekunst, die wiederum bei Brigid in guten Händen liegt. Der Smid, das war in der nordischen Tradition nicht nur der Waffen- sondern auch der Liederschmied. Bis heute schmieden wir Verse! Noch im Mittelalter war Dichtung ohne Gesang – und Harfenspiel – nicht denkbar. Das Singen verströmt Freude und damit zugleich Heilung.

Die Birke zählt zu den großen und heiligen Bäumen der Schamaninnen und Schamanen. In ihren Visionen treffen die Eingeweihten häufig auf die Birke, die allen Menschen das Leben geschenkt hat. Diese besondere Birke wächst auf einer Insel inmitten eines großen Sees und streckt ihre Zweige bis in den Himmel. Um sie herum wachsen neun Kräuter, aus denen sämtliche Pflanzen der Welt hervorgehen. Auf den Ästen sitzen Menschen, die sich als die Ur-Eltern vieler Völker zu erkennen geben.

Der Baum fungiert bei solchen Einweihungsritualen als Himmelsleiter. Die Äste, die erklommen werden müssen, entsprechen häufig den sieben Planeten. Davon wissen selbst unsere hiesigen Märchen noch ein Lied zu singen. In der Geschichte „Von dem hohen Baum der himmlischen Schönheit und der finsteren Welt“ erklettert der junge Held in sieben Tagen einen Baum, der eines Tages mitten im Dorf emporgewachsen ist und dessen Krone schon bald in den Wolken verschwindet. Jeden Abend wird der Junge von einem anderen Licht angezogen, und wenn er näher kommt, entdeckt er nach und nach die Herrinnen der sieben Wochentage. Uralt wie die Welt selbst sitzen sie in aufsteigender Höhe in ihren Astlöchern, bieten ihm Essen und ein Bett an und schicken ihn immer weiter hinauf bis in den Wipfel des Baumes. Dort begegnet er – am Sonntag – der Liebe und macht somit die wunderbarste Erfahrung von allen. Nun wusste er, wie es „da oben“ war – erzählt das Märchen.

Über die Autorin

Ursula Stumpf ist Apothekerin, Heilpraktikerin, PhytoKinesiologin, seit 1998 hat sie eine eigene Kräuterschule in Karlsruhe. Sie organisiert Kräuterspaziergänge, Jahreskreisfeste, Vorträge zur Pflanzenheilkunde in allen Aspekten.
Sie ist Autorin mehrerer Bücher über die Heilkraft der Pflanzen.
Über 20 Jahre arbeitete sie in eigener Naturheilpraxis mit den Schwerpunkten Kinesiologie und Phytotherapie. Sie kombiniert beide Bereiche zur „PhytoKinesiologie“ und macht so das Heilpflanzenwissen und die Kommunikation zwischen Mensch und Pflanze leicht zugänglich. Die Verbindung zwischen Mensch, Pflanze und Natur bei jeder Begegnung neu zu knüpfen und zu vertiefen – das ist ihr wichtigstes Anliegen.

Kontakt

Kräuterweisheiten
Fuchsbau 27
76228 Karlsruhe
0721/476 396 52
e-mail: vierjahreszeiten@kraeuterweisheiten.de

www.kraeuterweisheiten.de  Hier finden Sie immer wieder aktuelle Termine für Kräuterwanderungen und Vorträge

www.unkrautkonferenz.de

Buchempfehlung von der Redaktion

Mythische Bäume

Kulte und Sagen, Traditionelles Heilwissen, überliefertes Handwerk

Bäume haben mich schon immer beeindruckt. Sie sind für mich ein Symbol des Lebens, der Kraft, der Vermittlung zwischen Himmel und Erde. Und wo immer es geht, umarme ich auch einen starken Baum, lehne mich an ihn an und lausche auf das Leben in ihm. Deshalb hat mich auch das neue Buch von Ursula Stumpf sofort fasziniert.

Sie kennen Ursula Stumpf bereits, die Apothekerin und Heilpraktikerin, die in Karlsruhe eine eigene Kräuterschule aufgebaut hat. Vor knapp zwei Jahren empfahl Sie Ihnen in einem viel beachteten Artikel Heilpflanzen, die sich zur Förderung der Gewichtsabnahme eignen

Im September 2015 stellte ich Ihnen ihr Buch über die „Pflanzengöttinnen und ihre Heilkräuter“ vor. Und in meinem Weihnachtsartikel vom vergangenen Jahr empfahl ich Ihnen ihr Buch „Meine Pflanzenmanufaktur“.

Ihr neues Buch über „Mythische Bäume“ ist schon wieder etwas ganz Besonderes. Darin beschreiben drei AutorInnen die bei uns häufigsten 15 Bäume (von Apfel bis Weide) und geben zwischen Fakten, Geschichten und Erlebnissen auch ihre Begeisterung weiter.

Man könnte stundenlang nur die wunderschönen Fotos auf sich wirken lassen. Aber auch die Mythen, die sich um die Bäume ranken, ziehen einen in ihren Bann. Rezepte über Wildkräuter kennen wir ja inzwischen einige, aber mit Essbarem und medizinischen Anwendungen von Waldbäumen haben wir uns noch nicht intensiv beschäftigt.

Dieses Buch macht Lust auf einen Waldspaziergang mit anschließendem, gemütlichem Stündchen mit Buch und wärmendem Wald-Tee in der Kuschelecke. Oder wie wäre es mit einem wärmenden Bad im frischen Wald-Aufguss aus Kiefern-, Fichten- oder Tannennadeln? Das tut einfach gut. Abschalten, Entspannung und Auftanken sind garantiert.

Eine wahre Schatztruhe und ein kostbares Geschenk für alle Menschen, die sich den Zugang zur Natur bewahrt haben oder die ihn wiederfinden wollen.

Und wie wirkt der Wald auf Sie? Haben Artikel dieser Art überhaupt etwas mit Frauengesundheit zu tun? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar!

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