Sojabohne (Mindy W.M Chung, fotolia.com)

Sojabohne (Mindy W.M Chung, fotolia.com)

Bei jedem Vortrag, den ich in den letzten Jahren über Wechseljahre oder Brustkrebs hielt, tauchten unweigerlich viele Fragen zu Vor- und Nachteilen des Sojaverzehrs auf. Die widersprüchlichen Aussagen von Studien ließen Patientinnen und Ärzte meistens ziemlich verunsichert zurück und es galt: „im Zweifelsfalle lieber die Finger davon lassen“. Deshalb habe ich nach einer Expertin gesucht und Frau Dr. Rauch-Petz gefunden, die sich als Ärztin und in der Mikronährstoff-Forschung seit Jahren mit Soja beschäftigt, und sie gebeten, für das Netzwerk Frauengesundheit die wichtigsten und neuesten Fakten zusammenzufassen. Der Einfachheit halber wird im Text als Überbegriff für Sojaprodukte und Soja-Isoflavonextrakte der Kombibegriff „Sojaprodukte/Isoflavone“ verwendet.

Prof. Gerhard: Gibt es Unterschiede zwischen Asiatinnen und Kaukasierinnen im Ansprechen auf Soja?

Dr. Rauch-Petz: Es sind bislang keine relevanten Rassenunterschiede bekannt, die zu einer unterschiedlichen Wirkung des Verzehrs von Sojaprodukten/Isoflavonen führen können. Dennoch gibt es Voraussetzungen, die zu einer unterschiedlich hohen Aufnahme der Inhaltsstoffe führen. Deshalb sollte die Frage lauten: Welche Personen profitieren am meisten vom Verzehr von Sojaprodukten / Isoflavonen?

Sojaprodukte (Igor Dutina, fotolia.com)

Sojaprodukte (Igor Dutina, fotolia.com)

Von den relevanten Isoflavonen (= Pflanzenstoffe) Genistein und Daidzein, die im Soja enthalten sind, kann das Daidzein im Darm in das Equol umgewandelt werden. Equol gilt als das Isoflavon mit der stärksten Wirkung. Zu dieser Umwandlung ist nur etwa jede dritte Frau in der Lage, wobei sich gezeigt hat, dass vor allem die Vegetarierinnen im Vorteil sind. Aber auch eine länger anhaltende Ernährungsumstellung auf sojahaltige Produkte kann mit der Zeit dazu führen, dass eine dadurch veränderte Darmbakterienflora zu dieser Umwandlung fähig wird. Indem aber auch Genistein eine Wirkung im Organismus entfaltet, können auch Nicht-Equolbildner von Sojaprodukten /Isoflavonen profitieren, aber eben etwas weniger.

Prof. Gerhard: Gibt es einen Unterschied in der Wirkung des Verzehrs von Soja-Lebensmitteln und dem von Soja-Extrakten sowie synthetisch hergestellten Reinsubstanzen (Genistein)?

Dr. Rauch-Petz: Auf Basis von Tierversuchen lässt sich zeigen, dass es einen Unterschied ausmacht, ob ich ein Soja-Lebensmittel oder einen Soja-Extrakt füttere oder das synthetisch hergestellte Isoflavon Genistein. Soja-Lebensmittel zeigen dabei die beste Wirkung. Auch Soja-Extrakte haben einen positiven Effekt (Kim et al.2008). Die synthetisch hergestellte Reinsubstanz Genistein kann hingegen sogar das Wachstum von Brustkrebs im Tiermodell steigern (Ju et al.2006).

Untersuchungen am Menschen lassen hingegen vermuten, dass ein gewünschter Effekt, z.B. Reduktion von Wechseljahresbeschwerden, dann am besten erreicht werden kann, wenn Extrakte eingenommen werden. Der Verzehr von sojahaltigen Lebensmitteln ist mit der Unsicherheit verbunden, dass deren Gehalt an Wirkstoffen stark schwanken kann und zudem durch die Zubereitungsart verändert wird. Sojahaltige Extrakte, die sich auf eine bestimmte Menge an Wirkstoffen pro Kapsel/Tablette einstellen lassen, sind hier deutlich besser in der erzielbaren Wirkung. Das hängt damit zusammen, dass die Wirkung abhängig ist von der verzehrten Menge an Soja-Isoflavonen. Dies konnte durch eine summarische Auswertung der klinischen Wirksamkeits-Studien am Menschen (Meta-Analyse) gezeigt werden (Wu et al.2008), weshalb zur Erzielung eines bestimmten Effektes den Soja-Extrakten mit angegebener Wirkstoffmenge der Vorzug zu geben ist. Eine Optimierung könnte in diesem Fall der Verzehr von Soja-Joghurt kombiniert mit einer Kapsel eines Soja-Extraktes sein, um alle Inhaltsstoffe der Sojabohne aufzunehmen und zudem sicherzustellen, dass auch bei einer westlich orientierten Ernährung ausreichend viele Isoflavone aufgenommen werden.

Prof. Gerhard: Muss man Soja von Kindheit an verzehren, um davon zu profitieren ?

Sojafeld (Sima, fotolia.com)

Sojafeld (Sima, fotolia.com)

Dr. Rauch-Petz: Im Rattenmodell lässt sich zeigen, dass der Schutz vor Brustkrebs durch Sojaprodukte/Isoflavone dann am Besten gegeben ist, wenn bereits von Kindheit an mit dem Verzehr begonnen wird. In diesem Rattentest konnte kein Schutz mehr nachgewiesen werden, wenn Soja erst kurz vor Gabe der krebsauslösenden Substanz verabreicht wurde. Im Gegensatz zu diesem Tiermodell zeigen die Ergebnisse von Studien am Menschen, dass auch dann eine Absenkung des Risikos für Brustkrebs möglich ist, wenn erst in den Wechseljahren mit der Aufnahme von Sojaprodukten/Isoflavonen begonnen wird (Obi et al.2009). Selbst Frauen mit Brustkrebs profitieren noch davon (Guha et al.2009, Shu et al.2009).

Prof. Gerhard: Können Sie bitte noch näher darauf eingehen, was Frauen mit erhöhtem Risiko für eine Brustkrebserkrankung oder sogar als Brustkrebs Betroffene tun können?

Dr. Rauch-Petz: Die vor 2 Jahren veröffentlichten Ergebnisse einer europäischen Ernährungserhebung (Ward et al.2008) ließen den Verdacht aufkommen, dass ein geringer Verzehr von Soja-Isoflavonen zu einem Anstieg des Risikos für Brustkrebs führt; je mehr von dem Isoflavon Equol im Urin gemessen werden konnte, umso höher war das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Dies hat in der Presse zu vielfachen Warnhinweisen vor Sojaprodukten/Isoflavonen geführt, denen viele Frauen aus Angst gefolgt sind und seither gänzlich darauf verzichten. Auch Frauenärzte haben sich diesen Warnungen angeschlossen. Was jedoch nicht erklärt werden konnte, war die Tatsache, dass in Europa kaum Sojaprodukte/Isoflavone verzehrt werden und selbst diese sehr niedrigen Mengen das Risiko steigen lassen sollen. Dieser Widerspruch forderte eine Klärung. So gelang es denn den gleichen Wissenschaftlern (Ward et al.2010) durch eine Optimierung der Datenbanken nach einer Neuauswertung zu zeigen, dass kein Risiko durch kleine Mengen an Sojaprodukten/Isoflavonen auf die Brust vorhanden ist, was zu Beginn des neuen Jahres veröffentlicht wurde.

Fleisch

Fleisch, © ingerhard

Die Frage, die sich dem kritischen Leser grundsätzlich stellt, ist, wie kommt es bei den Europäerinnen, die keine oder kaum Sojaprodukte/Isoflavone verzehren, zu einer relevanten Aufnahme von Isoflavonen in den Körper, in diesem Fall Equol? Die Antwort wurde von anderen Wissenschaftlern gefunden: Mit Rotklee oder Soja ernährte Rinder sind exzellente Equolbildner, so dass sich Equol nicht nur in der Milch sondern auch im Fleisch wiederfindet. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass der Verzehr von rotem Fleisch im Verdacht steht, das Brustkrebsrisiko bei Frauen vor den Wechseljahren zu steigern (Taylor et al. 2009). Wer also trotz Vermeidung von Sojaprodukten/Isoflavonen Equol mit dem Urin ausscheidet, hat deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit entsprechende Mengen an Milch oder Milchprodukten (Käse, Joghurt usw.) oder auch Rindfleisch verzehrt und ggfs. über diese Ernähungszusammenstellung das Risiko für Brustkrebs erhöht. Frauen, die viel rotes Fleisch und Milchprodukte verzehren, haben zudem signifikant höhere Estrogen-Werte im Blut (17-Beta-Estradiol) als Frauen, die wenig davon verzehren (Brinkman et al.2009). Auch stehen spezifische Inhaltsstoffe des roten Fleisches (Häm) in Verdacht, das Krebsrisiko zu steigern (Tappel 2007). Für die Soja-Isoflavonaufnahme in kleinen Mengen muss noch eine alternative Quelle unter die Lupe genommen werden: Fertiglebensmittel mit hohem Verarbeitungsgrad (fast food), bei deren Herstellung oft sojahaltige Hilfsstoffe eingesetzt werden.

Doch zurück zur Studie: Die kleinen Mengen an Isoflavonen (Equol) waren in diesem Fall der „innocent bystander“, der unschuldige Mitläufer, der zu Unrecht in Verdacht geraten ist. Dennoch muss den Wissenschaftlern an dieser Stelle Anerkennung ausgesprochen werden, da sie die Größe besessen haben, ihre Daten zu korrigieren.

Nach aktuellem Stand des Wissens lässt sich demnach sagen, dass der Verzehr von Sojaprodukten/Isoflavonen zu keinem erhöhten Risiko für Brustkrebs führt,

· explizit nicht bei Frauen, welche mit dem Verzehr von pflanzlichen Hormonen erst in den Wechseljahren anfangen (Obi et al.2009,)

· explizit nicht bei Frauen (getestet als isoflavonhaltiger Rotklee-Extrakt an Engländerinnen) mit familiär bedingt erhöhtem Brustkrebsrisiko (Powles et al.2008),

· explizit nicht bei Frauen, die bereits unter Brustkrebs leiden (bei Amerikanerinnen: Guha et al. 2009; bei Asiatinnen: Shu et al.2009).

Im Gegenteil, diese aktuellen Veröffentlichungen weisen sogar auf ein Absinken des Risikos für Brustkrebs bzw. ein geringeres Risiko des Wiederauftretens durch den Verzehr von Soja hin.

Prof. Gerhard: Können Sie bitte für unsere Leser noch einmal den Umfang des Nutzens von Sojaprodukten zusammenfassen?

Photo by Shi Yali; http://asiastockimages.com

Photo by Shi Yali; http://asiastockimages.com

Dr. Rauch-Petz: Das tue ich gerne:

· Vegetarische Ernährung (fleischlose Tage) ergänzt mit Sojaprodukten/Isoflavonen ist besser als fleischreiche Ernährung ergänzt mit Sojaprodukten/Isoflavonen.

· Sojahaltige Lebensmittel zu verzehren ist besser als praktisch kalorienfreie Extrakte in Kapselform.

· Ab der Pubertät Soja in die Ernährung einzubauen ist besser, als erst in den Wechseljahren damit zu beginnen.

· Bei hormonabhängigem Brustkrebs ist es besser, sich sojareich zu ernähren als sojaarm (bei Brustkrebs, der nicht von Hormonen abhängig ist, lässt sich zum Nutzen von Soja noch keine ausreichend abgesicherte Aussage machen).

Das heißt, auch Fleischesser, die nur Isoflavonhaltige Kapseln schlucken, können noch einen Nutzen haben, der aber vermutlich deutlich geringer ist, als bei optimierter Ernährungsweise. Es bleibt jedem selbst überlassen.

Prof. Gerhard: Haben Ihre Literaturrecherchen noch weitere wichtige Faktoren für einen Krebsschutz ergeben?

Dr. Rauch-Petz: Zum Thema Krebs allgemein, einschließlich Brustkrebs, möchte ich noch darauf hinweisen, dass auch Vitamin D sowie Omega-3-Fettsäuren eine wichtige schützende Rolle zu spielen scheinen, was derzeit in einer großen placebokontrollierten Doppelblind- Studie in den USA an 20.000 Personen über 6 Jahre an der international renommierten Harvard Medical School Boston getestet wird.

Da beide Substanzen in Asien klimabedingt bzw. durch die Ernährung mit Fisch ausreichend vorhanden, bei uns hingegen häufig defizitär sind, sollte neben dem Soja auch auf diese Komponenten geachtet werden. Nicht zu vergessen ist ausreichend Bewegung und Entspannung.

Prof. Gerhard: Liebe Frau Dr. Rauch-Petz, ich danke Ihnen für Ihre umfassenden Erklärungen. Als Fazit können wir beide ziehen:

Die Chance, gesund zu bleiben oder es wieder zu werden, ist umso höher, je mehr Bereiche wir positiv beeinflussen.

Rauch-PetzNach 10jähriger Erfahrung in der klinischen Arzneimittelforschung stand für die Ärztin Dr.Gisela Rauch-Petz (57) fest: die Chance, gesund zu bleiben oder Krankheit zu bewältigen, liegt in einem hohen Maß an uns selbst. Seither sieht sie ihre Aufgabe darin, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Mikronährstoffen in unserer Ernährung in verständlicher Weise zusammenzufassen und daraus einfache und praktische Empfehlungen für den Alltag abzuleiten. Mit großer Passion widmet sie sich der Entwicklung spezifischer Produkte auf ganzheitlicher Basis. Ihr Ziel ist es, die in der Pflanzennahrung steckenden Kräfte so einzusetzen, dass unser Körper damit auch im Alter jung und gesund ist.

Für weitere Fragen und Anforderung der Literaturliste wenden Sie sich direkt an

Frau Dr. Gisela Rauch-Petz

Seefelder Hofberg 7a, D-86919 Utting am Ammersee

E-mail:  g.rauch-petz@t-online.de

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