Methadon, bekannt aus der Therapie der Heroinsucht, ist ein effektives und preiswertes Schmerzmittel, das Schwerstkranken mehr Lebensqualität schenkt. Ein Zusatznutzen in der Krebstherapie wird diskutiert.

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Erfunden wurde Methadon 1937 bei den IG Farben, weil dem Deutschen Reich das Morphium, gewonnen aus Mohn, für die Millionen Verletzte des Krieges ausging. Es wurde aber hierfür nie eingesetzt, sondern nach dem Krieg von den Alliierten zur allgemeinen Verwendung entpatentiert. Den Namen Methadon erhielt das Produkt 1947 in den USA. Die Firma Eli Lilly vertrieb es unter dem Namen Dolophine. IG-Farben Nachfolger Hoechst umging später das Verbot der Patentierung durch die Herstellung des nur den linksdrehenden Bestandteil enthaltenden L-Polamidon. (Methadon ist ein Razemat, d.h. es besteht aus zwei Substanzen mit gleicher Formel aber so unterschiedlich wie rechte und linke Hand)

Hochdosiserfahrungen bei Therapie der Heroinsucht

Aus der Zeit der 50er und 60er stammen die Hochdosiserfahrungen, die in die Lehrbücher eingingen und noch heute vor der „gefährlichen“ Substanz warnen. Da Methadon sehr lange wirkt und keinen Kick (euphorisches Hochgefühl) erzeugt, wurde es zur Therapie der Heroinsucht eingesetzt. Es blockiert die Empfängerstellen, an denen der Kick erzeugt wird. Das Ergebnis war frappierend: Man konnte die Heroinsucht mit Hilfe der Methadonabhängigkeit blockieren. (Methadon macht auch wie Heroin abhängig, d.h. dass beim Absetzen ein Entzug entsteht. Aber niemand versucht sich ständig eine Substanz zuzuführen, die kein Glücksgefühl auslöst). Viele ehemals Drogensüchtige konnten als Methadonabhängige ein normales Arbeitsleben führen.

Die hohen Dosen von Methadon, die in den 80ern und 90ern (vielfach unnötig, wie man heute weiß) gegeben wurden, zeigten eine Nebenwirkung auf, die aus den ersten Studien schon bekannt war. Es traten vieltausendfach tödliche Herzrhythmusstörungen auf, und, natürlich in Zusammenhang mit anderen Substanzen und Heroinzugabe, Atemstillstände. In schmerztherapeutischen, tumorwirksamen Dosen wurde in vielen Studien seine ebenso ungefährliche Wirkung wie die aller Opioide (künstlich hergestellte) oder Opiate (aus dem Mohn hergestellte) belegt.

2000 hat sich zum ersten Mal ein australischer Forscher (O.T Ayonrinde) mit der Ermittlung der Wirkstärke von Methadon und der Eignung als Tumorschmerzmittel befasst. Das pdf der Studie können Sie hier downloaden.

Was uns im Hospiz nach der Gabe von Methadon auffiel

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Ich habe 1998 bereits in einem neu errichteten Hospiz (was ich seitdem betreue) angefangen, mit L-Polamidon den Tumorschmerz zu behandeln. Seit der Publikation des Australiers Ayonrinde verwende ich das Razemat, also Methadon.

Bei der Umstellung von Opiaten auf Methadon fiel allen Beteiligten auf, dass die Gäste (Patienten im Hospiz heißen Gäste) aufklarten.

  • Die depressive Grundstimmung verschwand,
  • die Schmerzen waren besser zu kontrollieren (keine sog. Durchbruchsschmerzen mehr),
  • der Appetit besserte sich,
  • komplizierte Verstopfungen nahmen ab.
  • Allen schien es, dass die Gäste nicht nur besser,
  • sondern auch länger lebten (eine sehr große Studie einer Frau Prof. Krebs zeigt das für Tumorpatienten auch mit Signifikanz).
  • Sogenannte Spontanremissionen, d.h. plötzlicher Tumorrückgang, kamen plötzlich häufiger vor, sodass wir zu Hospizentlassungen schritten.

Methadon in der Rheumatherapie

Mir ist bei Rheumapatienten, die zusätzlich einen malignen Aszites hatten, aufgefallen, dass dieser nach Beginn einer Tumorschmerztherapie unter Beibehaltung der Methotrexattherapie verschwand.

Methadon als Tumorhemmer

Im Jahr 2006 machte Frau Dr. Friesen an der Uni Ulm die Entdeckung,  dass Methadon ein Tumorhemmer und ein Wirkverstärker von Zytostatika ist. Methadon löst im Labor und im Tierversuch den programmierten Zelltod  (Apoptose)  aus und verstärkt die Wirkung von Chemotherapien sowie die Wirkung der Bestrahlung. Erster gemeinsamer Vortrag von uns in Frankfurt am Main bei einem Krebskongress.

Vorteile von Methadon in der Schmerztherapie

Alle hier im Umkreis tätigen Palliativmediziner schätzen und nutzen seitdem das Potential von Methadon als Schmerzmittel. Methadon hat den ungeheuren Vorteil, bis zum letzten Atemzug über den Mund gegeben werden zu können (und das wegen der langen Wirkdauer nur patientenfreundliche zweimal täglich!). Da es über die Mundschleimhaut aufgenommen wird, kann sich der Arzt sicher sein, dass der Patient auch in der Agonie schmerzfrei bleibt. Die vielgenutzten Pflaster können eben dies nicht, weil die minderdurchblutete und durch Abmagerung funktionsgestörte Haut die Wirkstoffaufnahme und Weitergabe verweigert.

All diese Eigenschaften müssten Methadon zum Standardmedikament der Schmerztherapie in der Tumortherapie gemacht haben.

Vorurteile gegen Methadon

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ABER selbst die Erkenntnisse von Frau Dr. Friesen (bestätigt durch Dr. Singh von der Uni Calgary in 2016) haben es bisher nicht geschafft, eine Studie dazu ins Leben zu rufen. An der Uni Ulm ruht ein Entwurf dazu seit vier Jahren. Die Vorurteile gegenüber einem Billigmedikament (4 Wochen ~ 24€) aus der Schmuddelecke der Medizin (Substitution Süchtiger!) scheinen unausrottbar, zumal auch die Lehrbücher (Wissensstand 50er/60er) eindringlich vor den mittlerweile widerlegten Gefahren warnen.

Das (und vielleicht andere Interessen) hat dazu geführt, dass ansonsten renommierte Fachgesellschaften und Zeitungen vor den imaginären Gefahren einer Zusatztherapie zur klassischen Chemotherapie oder Bestrahlung warnen. Angesichts der Risiken und Nebenwirkungen dieser Standardtherapien eigentlich ein Witz, zumal die von den Onkologen als Schmerzmittel bevorzugten Opiate eher komplizierter in der Anwendung sind.

In Ohio werden zum Tode Verurteilte mit den hierzulande in der Palliativmedizin und Schmerztherapie am liebsten genutzten Substanzen Hydromorphon und Midazolam hingerichtet.

Seitdem ich Methadon als Zusatztherapie zur Bestrahlung und Chemotherapie in den erforderlichen Dosen, d.h. ~ 2x 17,5mg, einsetze, sehe ich Tumorrückgänge, die faszinierend sind. Meine Erfahrungen von vielen tausend Patienten zeigen, dass es, wenn von wissenden Händen angewendet, ein sehr segensreiches und wenig risikoreiches Medikament ist. Vergiftungen und Todesfälle kenne ich nur von Opiaten.

Rezeptur von Methadon ist jedem Arzt erlaubt

Methadon ist nicht als Fertigarzneimittel im Handel, es muss von Apotheken nach der Rezeptur des Arztes angefertigt werden. Viele Ärzte kennen diesen Weg nicht, und viele glauben, dass sie dafür eine Sondergenehmigung im Rahmen der Drogensubstitution benötigen. Viele haben Angst vor einem Medikament, vor dem Fachgesellschaften (aus welchen Gründen auch immer) warnen. Und fast alle glauben, dass Methadon keine Zulassung zur Schmerztherapie hat. All das verunsichert derartig, dass viele Kollegen den Umgang mit diesem Medikament meiden. Aber jeder Arzt darf Methadon gegen Schmerzen als Kassenleistung verordnen!

Methadon, ein Politikum

Methadon ist zu einem Politikum geworden, weil es das Potential hat, die Opiate, von denen ganze Firmen leben, und teure, aber wirkungsarme Tumormedikamente vom Markt zu verdrängen. Hier geht es um Milliardenumsätze, da wird nicht immer mit Information, sondern viel mit Desinformation gearbeitet. Allen voran tut dies die Fachgesellschaft für Hämatologie und Onkologie, sodass Onkologen sich oft weigern, Patienten zu behandeln, die Methadon einnehmen. Sie wissen nicht, dass die ihnen zugesandten Informationen nicht nur keine sind, sondern zum Zwecke der Desinformation erstellt wurden. Im Krieg um Märkte ist es wie auch sonst im Krieg: das erste Opfer ist immer die Wahrheit.

Über den Autor

Dr. Hans-Jörg Hilscher wurde 1954 in Leipzig geboren. Er studierte in Mainz Medizin und ist seit fast 35 Jahren Arzt. Seit 20 Jahren leitet er das Hospiz Mutter Teresa in Iserlohn ärztlich. Nebenbei hat er 2010 in Münster den Master in „Angewandter Ethik“ gemacht. Dr. Hilscher ist verheiratet und hat eine Tochter.
Weitere Informationen unter www.PKDNIL.de 

Dr. Hans-Jörg Hilscher MA
Hagenerstrasse 113
58642 ISERLOHN
Tel. 02374 10280

e-mail: hugohil@aol.com

Stellungnahme der Redaktion

Narbe nach Gliom-Operation

Im vergangenen Jahr erfuhr ich von den Forschungsarbeiten der Chemikerin Dr. Claudia Friesen an der Uni Ulm. Ich hatte vor 2 Jahren meine Ziehtochter verloren, die an einem bösartigen Hirntumor (Glioblastom) erkrankt war. Leider wusste ich damals noch nicht, dass die Forscherin Claudia Friesen in der Zellkultur, im Tierversuch und (inzwischen auch bei Tumorkranken) entdeckt hatte, dass Methadon, zusätzlich zur Chemotherapie, das Tumorwachstum entscheidend hemmen kann, u.a. bei Glioblastomen. Da Methadon nicht patentierbar und extrem billig ist, lassen Studien, die dringend erforderlich sind, auf sich warten. Hier habe ich Ihnen zwei Berichte zusammengestellt, die im ARD  im vergangenen Jahr zu Methadon erschienen:

am 12.4.2017 zur damals aktuellen Diskussion und

kurz darauf, am 16.8.17 mit vielen Stellungnahmen und Kommentaren von Betroffenen und  Ärzten.

Inzwischen habe ich Frau Dr. Friesen kennen gelernt. Sie bekam den Forschungspreis der NATUM verliehen, der gynäkologischen Arbeitsgemeinschaft für Naturheilkunde, die ich vor 25 Jahren zusammen mit anderen Frauenärzten gegründet hatte. Da die Forschung von Frau Dr. Friesen behindert wurde, ihre Daten von der Webseite der Uni gelöscht wurden und ein Aufstand der wissenschaftlichen Fachgesellschaften sogar ihre Forschungsergebnisse anzweifelte (die von anderen Forschern jedoch zweifelsfrei wiederholt werden konnten), wollte die NATUM ein Signal der Unterstützung senden.

Gründe für das lange Warten auf Studien bei Krebs

Finanzielles Problem

Keine Firma investiert über eine Million in eine gute Studie, wenn es hinterher nichts an dem neuen Medikament zu verdienen gibt! Denn eine sechswöchige Therapie kostet 12- 25€! Und für Krankenkassen, Stiftungen und Bundesministerien sind solche Studien schlicht zu teuer.

Ethisches Dilemma

Wenn Sie einen bösartigen Tumor mit geringer Lebenserwartung hätten und Sie sollten an einer doppelblind randomisierten, placebokontrollierten Studie mit Methadon teilnehmen, würden Sie jemals zustimmen? Denn das würde bedeuten, dass Sie auch ein Scheinmedikament bekommen könnten!

Eigene Erfahrungen musste ich mit einer groß geplanten Homöopathiestudie bei unerfülltem Kinderwunsch machen: zu wenige Paare wollten sich randomisieren lassen, da unsere Erfahrungen mit Homöopathie so gut waren. Natürlich wollten alle ganz rasch ihr Wunschbaby und nicht das Risiko eingehen, ein halbes Jahr lang mit einem Placebo behandelt zu werden. Die Studie musste wegen zu kleiner Fallzahlen abgebrochen werden.

Methadon als Schmerzmittel

Bis Studien geklärt haben, ob und wann Methadon zusätzlich zur Chemotherapie bei Krebs eingesetzt werden kann, sollten Sie aber alle wissen, dass Methadon ein kraftvolles Schmerzmittel ist. Es hilft sehr gut bei Tumorschmerzen und Nervenschmerzen und jeder Arzt darf es auf Kassenrezept verschreiben. In der richtigen (niedrigen und individuellen) Dosierung ist Methadon den Opiaten überlegen und hat weniger Nebenwirkungen.

Haben Sie Erfahrung mit Methadon oder kennen Menschen, die davon profitiert haben, dann schreiben Sie doch einen Kommentar.