Kaninchen © Carlo Süßmilch - Fotolia.com

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Gerade steht ein amerikanisches Buch auf der Bestsellerliste: „Tiere essen“, in dem der Autor Jonathan Safran Foer beschreibt, was er auf seiner Reise durch die Tierställe erlebt hat. Ihn haben diese Erlebnisse zum Vegetarier gemacht. In diesem Artikel stelle ich Ihnen die Vor- und Nachteile der vegetarischen Ernährung zusammen.

Ein Vorreiter des Vegetarismus in Deutschland ist der emeritierte Professor Claus Leitzmann, der an der Universität in Gießen gelehrt und viele Regionen der Erde für Forschungs- und Lehrzwecke bereist hat. Sein Buch über die „Vegetarische Ernährung“ erschien vor 13 Jahren zum ersten Mal. In diesem Jahr brachte er die zweite Auflage heraus mit einer Fülle von neuen Erkenntnissen und wissenschaftlicher Literatur. Netzwerk-Frauengesundheit hat ihn zu seinen Erfahrungen befragt.

Wann haben Sie sich entschieden, Vegetarier zu werden und aus welchem Grund?

Vor nunmehr 31 Jahren wollte unsere jüngste Tochter kein Fleisch mehr essen, da sie in der Schule gelernt hatte, dass unser Fleischkonsum den Hunger in der Welt fördert. Im Familienrat (4 Kinder) wurde beschlossen, ein Jahr lang kein Fleisch zu essen. Nach einem Jahr wollte keiner mehr Fleisch essen, und so ist es bis heute geblieben, zumindest bei meiner Frau und mir sowie bei unseren zwei Töchtern nebst Familien. Unsere zwei Söhne sind (auch durch den Einfluss ihrer Partner) heute wieder Fleischesser.

Früher war ein Vegetarier ein Sonderling, jetzt trifft man sogar auf Menschen, die angeben, ein Vegetarier zu sein, obwohl es nicht zutrifft.

Was hat sich da geändert?

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt der Vegetarier als ein verirrter, weltfremder Mensch, der aus zweifelhaften Gründen kein Fleisch essen will. Man glaubte, dass vegetarische Kost zu einer Mangelernährung führen muss. Dadurch waren die Vegetarier gesellschaftlich isoliert. Heute haben viele Menschen begriffen, dass eine fleischlose Kost nicht nur lecker schmeckt, sondern alle lebenswichtigen Nährstoffe in ausreichender Menge zuführt. Neben den gesundheitlichen Vorteilen werden auch die ökologischen und ethischen Anliegen der Vegetarier geteilt und anerkannt.

Wieviel % der Bevölkerung sind denn Vegetarier?

Und stimmt mein Eindruck, dass jüngere Menschen viel häufiger Vegetarier sind als ältere?

Die genaue Zahl der Vegetarier ist nicht bekannt und nur schwer zu ermitteln, weil es verschiedene Ausprägungen des Vegetarismus gibt sowie eine zunehmende Anzahl von Menschen, die nur gelegentlich Fleisch oder Fisch essen. Vegetarier sind überwiegend jüngere Menschen und besonders Frauen sowie Menschen mit einer höheren Bildung.

Häufig kommen Vegetarier aus Vegetarierfamilien, d.h. die Entscheidung, auf Fleisch zu verzichten oder es auch gar nicht zu mögen, wird bereits im Jugendalter gefällt.

Sind Erwachsene denn da noch nachhaltig umpolbar?

© Vladimir Wrangel - Fotolia.com

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Zunächst eine wichtige Klarstellung: Vegetarier verzichten nicht auf Fleisch, sie meiden den Fleischverzehr. Verzicht wird of mit Askese, Entsagung und Kasteiung gleichgesetzt. Vegetarier sehen ihre Kostform aber als einen Gewinn.

Die überwiegende Zahl der Vegetarier kommt nicht aus vegetarischen Familien, denn früher gab es nur wenige Vegetarier. Allerdings haben es Kinder aus diesen Familien leichter, diese Kostform zu praktizieren, weil die Ernährungsgewohnheiten überwiegend in der Kindheit geprägt werden. Da die jeweilige vegetarische Kost geschmacklich ähnlich wie Fleischgerichte zubereitet werden kann, fällt es auch Erwachsenen nicht so schwer sich umzustellen. Die besten Beweise dafür sind die Übernahme vieler ausländischer Gerichte in den letzten 50 Jahren.

Sie sind viel in anderen Ländern herumgekommen.

Ist in anderen Ländern das Meiden von Fleisch aus finanziellen oder aus religiösen Gründen häufiger als hierzulande?

Das Meiden des Fleischverzehrs ist regional sehr verschieden. Während der Vegetarismus in Südamerika unabhängig vom Einkommen wenig verbreitet ist, finden sich in Asien große Bevölkerungsgruppen, die sich traditionell, auch aus religiösen Gründen, vegetarisch ernähren. Die finanzielle Situation kann die Qualität, Menge und Häufigkeit des Fleischverzehrs beeinflussen.

Es gibt ja viele verschiedene Formen von Vegetariern, könnten Sie diese kurz beschreiben?

  • Ratatouille © Carmen Steiner - Fotolia.com

    Ratatouille © Carmen Steiner - Fotolia.com

    Die weitaus größte Gruppe stellen die Lakto-ovo-Vegetarier dar, die sowohl Milchprodukte als auch Eier verzehren.

  • Recht selten gibt es Lakto-Vegetarier (verzehren auch Milchprodukte) und
  • Ovo-Vegetarier (essen auch Eier).
  • Die sogenannten Veganer essen überhaupt keine Produkte vom Tier, einschließlich Honig, sie machen etwas 10% aller Vegetarier aus.
  • Daneben gibt es Vegetarier die zwar kein Säugetierfleisch essen, aber gelegentlich Fisch, sowie
  • Rohköstler, die alle pflanzlichen Lebensmittel roh essen, manchmal auch Milch und Eier.

Was sind die Vorteile des Fleischkonsums für die Gesundheit?

Ich kenne viele Menschen, die behaupten: „ich brauche das, sonst werde ich krank und fühle mich schlapp“.

Fleisch ist ein wertvolles Lebensmittel, da es viele wichtige Nährstoffe enthält, aber diese finden sich auch in pflanzlichen Lebensmitteln. Nur für Veganer kann es eng werden, besonders beim Vitamin B12, das reichlich in Eiern und Milch enthalten ist.

Häufiger krank werden übrigens die Fleischesser und nicht die Vegetarier. Schlapp fühlen sich meistens die sogenannten Pudding-Vegetarier, die zwar kein Fleisch essen, aber keine vollwertige pflanzliche Kost.

Übrigens sind im Tierreich die Tiere mit Pflanzenkost am stärksten (Elefanten, Pferde) und am langlebigsten (Elefanten, Schildkröten). Die Raubkatzen sind zwar gefährlich aber weder übermäßig stark noch ausdauernd.

Was sind die Nachteile des Fleischkonsums?

  • Zu viele tierische Fette,
  • Giftstoffe, die im Tierfett abgelagert werden,
  • die Übertragung von Viren vom Tier auf den Menschen
  • Hinzu kommen noch die Überladung mit Eisen und
  • die Zufuhr von dem reichlich vorhandenen Salz.
  • Neben den gesundheitlichen Problemen wirken sich die ökologischen und ethischen Aspekte nachteilig aus.

In dem Buch „Tiere essen“ schlägt der Autor vor, den Fleischgenuss auf 1-2 mal pro Woche zu reduzieren.

Ist das nicht besser und vielseitiger für die Gesundheit, als ganz darauf zu verzichten?

Ein bis zweimal in der Woche darf es auch so aussehen © ingerhard

Ein bis zweimal in der Woche darf es auch so aussehen © ingerhard

Diese Empfehlung geben wir in unserer Vollwert-Ernährung seit drei Jahrzehnten. Unsere Studien mit Vegetariern, Vollwertköstlern und Fleischessern zeigen, dass die Vollwertköstler, die 1-2 mal pro Woche Fleisch essen, gesundheitlich noch etwas besser liegen als die Vegetarier. Die Fleischesser landen weit abgeschlagen auf Platz drei.

Da es schwierig ist, die Menschen zum Vegetarismus zu bewegen, ist es sinnvoll, den Fleischkonsum zunächst allmählich zu reduzieren. Nach diesem ersten Schritt erfolgt oft der Übergang zum Vegetarismus.

Außerdem gibt es die „Puddingvegetarier“, die zwar kein Fleisch essen, aber fehlernährt sind. Die Puddingvegetarier waren und sind für den schlechten Ruf des Vegetarismus verantwortlich. Auch der Vegetarismus kann wie jede andere Kostform falsch oder richtig praktiziert werden. Mit dem heutigen Wissen und Lebensmittelangebot ist es einfach, sich vegetarisch und gleichzeitig vollwertig zu ernähren. Es gibt eine Fülle von guten vegetarischen Kochbüchern.

Was gibt es für Gründe, die gegen Fleisch sprechen?

  • Ethische, da es sich um Tötung handelt: Ein Tier ist ein Lebewesen. Es macht keinen Unterschied, ob wir Menschen ein Schwein oder einen Hund töten.
  • Moralische, da der Fleischkonsum zur Massentierhaltung geführt hat. Die Tiere werden nicht artgerecht gehalten und ihr Leben lang gequält bis hin zum Transport und der Schlachtung.
  • Die Umwelt wird zerstört:
    © Martina Berg - Fotolia.com

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    Massentierhaltung erzeugt genauso viele Klima schädliche Gase wie der gesamte Straßenverkehr. Außerdem führt sie zur Nitratbelastung der Böden und damit des Wassers und der Pflanzen sowie zur Geruchsbelastung ganzer Regionen.

Ist denn dann der Konsum von Milch und Eiern nicht genauso verwerflich wie das Fleischessen?

Wenn diese Produkte aus Massentierhaltung stammen, ja. Im Prinzip aber nein. Denn wie bereits Pythagoras in der Antike propagierte, sind Produkte vom lebenden Tier moralisch vertretbar. Außerdem sind in der ökologischen Landwirtschaft für das geschlossene System auch Tiere für Dünger und zur Abfallverwertung erforderlich.

Was kann man Menschen versprechen, was sie für Vorteile haben, wenn sie sich für eine vegetarische Ernährung entscheiden würden?

Eine richtig praktizierte lakto-ovo-vegetarische Ernährung hat gesundheitliche Vorteile, belastet die Umwelt in deutlich geringerem Maße und ist ethisch/moralisch unproblematisch.

Warum füttern Menschen Katzen und gehen mit ihnen zum Tierarzt, zeigen den Nachbarn wegen Tierquälerei an, wenn er seinen Hund im Käfig hält, haben aber kein Problem, wenn sie Würstchen oder Steak essen?

Ist das Gefühlskälte, Phantasielosigkeit, Mitleidslosigkeit???

Neben den drei Punkten sind die jeweiligen Traditionen und Gewohnheiten wohl noch ausschlaggebender. So haben die Franzosen kein Problem beim Verzehr von Pferdefleisch, echte Salami in Italien stammt von Eseln und in einigen asiatischen Ländern ist Hundefleisch eine Delikatesse.

Was halten Sie von der These: Der Welthunger kann nicht ohne Fleisch gestillt werden?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Fütterung und besonders die Mästung von Tieren erfordern weitaus mehr Ackerflächen, Düngemittel, Pestizide, Antibiotika und Wasser, als die Erzeugung pflanzlicher Nahrung für die Ernährung der Menschen.

Die Nutzung von Wiesen sowie anderem Gras- und Buschland zur Tierhaltung ist vernünftig und sollte gefördert werden. Das Problem ist die Massentierhaltung und Mästung mit hochwertigen pflanzlichen Lebensmitteln, die in der Ernährung des Menschen eingesetzt werden können.

Noch ein Argument der Fleischesser, das ich immer wieder zu hören bekomme: Tiere essen andere Tiere, also können Menschen Fleisch essen.

Würden Sie dem zustimmen, wenn man achtsamer mit den Tieren umgehen würde?

Öko- Bauernhof © ingerhard

Öko- Bauernhof © ingerhard

Die Naturthese hat wohl in der Evolution des Menschen eine Rolle gespielt. Heute sind wir neben Naturwesen auch Kulturwesen, erhitzen unsere Nahrung (was kein Tier macht) und können eine Vielfalt von leckeren Speisen zubereiten. Unser Großhirn versetzt uns in die Lage, die Doppelrolle als Natur- und Kulturwesen verantwortungsvoll und nachhaltig wahrzunehmen. Die ökologische Landwirtschaft bietet hier die richtige Lösung an.

Inzwischen haben wir dieselben Probleme beim Fisch: die Meere sind leer, in den Aquakulturen herrschen schlimme Zustände, die Fütterung ist nicht artgerecht, es werden reichlich Medikamente und Pestizide eingesetzt.

Können/Müssen wir Fleisch- und Fischkonsum gleichsetzen?

Nicht ganz, obwohl der brutale Fischfang und die Dezimierung der Fischbestände eine Katastrophe darstellt. Wer überhaupt noch Fisch essen möchte, sollte mit dem einzig bisher noch reichlich vorhandenen Hering Vorlieb nehmen. Aber die Menschen möchten Edelfische essen, die es in der Natur bald nicht mehr geben wird. Aquakulturen sind ein trügerischer Ersatz, es sei denn, sie werden ökologisch betrieben.

Mit diesem Experten führte ich das Interview:

ClausLeitzmann-02MA19862493-0002Prof. Dr. Claus Leitzmann: Geboren 1933 in Dahlenburg, Niedersachsen. Studium der Chemie (B.Sc. Capital University, Columbus, Ohio), Mikrobiologie (M.Sc.) und Biochemie (Ph.D. University of Minnesota, Minneapolis, Minnesota). Wissenschaftlicher Mitarbeiter von Paul Boyer (Nobelpreis 1997) am Molecular Biology Institute, University of California, Los Angeles, 1967-69. Dozent im Department of Biochemistry and Nutrition, Mahidol University, Bangkok, 1969-71. Leiter des Forschungslabors des Anemia and Malnutrition Research Centers, Chiang Mai, Thailand, 1971-74. Seit 1974 am Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Giessen, Habilitation 1976 (Ernährung des Menschen). Von 1979 bis 1998 Professor für Ernährung in Entwicklungsländern, Aufbau und Durchführung dieses Wahlpflichtfaches in Forschung und Lehre. Geschäftsführender Direktor des Instituts für Ernährungswissenschaft, 1990-1995.

31UERZLyObL._SS500_vegetarisch kochenForschungsgebiete: Ernährung in Entwicklungsländern; Ernährungsstatus verschiedener Bevölkerungsgruppen; Ballaststoffe; Vegetarismus; Vollwert-Ernährung; Sekundäre Pflanzenstoffe; Ernährungsökologie. Über 500 wissenschaftliche Veröffentlichungen. Hier stelle ich Ihnen zwei seiner Bücher vor: die Vegetarische Ernährung und das passende Kochbuch dazu.

Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften sowie wissenschaftlicher Beiräte von Fachgremien, Stiftungen und Fachzeitschriften. Zabelpreis für Krebsprävention 1988. Preis der Dr. Broermann Stiftung für präventive Ernährung, 1997.

Und wie halten Sie es mit dem Fleisch essen? Welche Tricks haben Sie ausprobiert, um der Familie statt Fleisch etwas Vegetarisches anzubieten?

Schreiben Sie einen Kommentar, damit wir alle die Natur und ihre Lebewesen mehr schonen können! Und natürlich gesünder älter werden!

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