Gibt es einen Totensonntag auch für Menschen, die nie gelebt haben? Habe ich als Mutter versagt, weil mein Kind nicht leben konnte? Bin ich als Frau nichts wert, weil ich nie Mutter gewesen bin?

Totes Blatt im Herbst © Imgrund

„Wenn ein Blatt, irgendein Blatt vom Baume fällt,
weil der Herbstwind es so bestimmt,
wenn das Schicksal uns etwas nimmt,
vertrau der Zeit.“

Diese Strophe stammt aus meinem Lieblingslied von Udo Jürgens. Es heißt „Immer wieder geht die Sonne auf“ und hat mich schon als kleines Mädchen berührt. Das, was in diesen vier Versen mitschwang, in der Melodie, die erst im Refrain wie erlöst strahlen durfte, konnte ich damals noch nicht aus eigenem Erleben bestätigen. Aber ich hörte die Dunkelheit heraus, die es vielleicht im Leben geben konnte. Und das Versprechen, dass trotzdem alles wieder gut werden würde.

Dann, später, als ich schon ein großes Mädchen war, habe ich selbst erfahren, was der Herbstwind kann. Und das Schicksal.

Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.

Seltsam oder nicht, ich habe mir Kinder gewünscht, seitdem ich selbst ein Kind war. Ich wollte sie ganz dringend, wollte einen dicken Bauch haben, die Gören zur Welt bringen, ihre Mutter sein. Meine Zukunft stand mir glasklar vor Augen, ich dachte: Im Jahr 2000 bist du verheiratet und hast zwei Blagen. Ich zweifelte keine Sekunde daran. Freute mich schon mal darauf.

Und dann – bäm! – wurde daraus nichts. Das Jahr 2000 war längstens vorüber und ich Anfang 40, und noch immer weit und breit kein geeigneter Partner in Sicht, mit dem ich Kinder hätte haben können oder wollen. Das war ein Schlag auf die Zwölf, der mich in die Knie zwang. Mir dämmerte, dass ich die Kröte würde schlucken müssen: Du wirst wohl doch nicht Mutter werden … Sie hat fies geschmeckt, diese Kröte, und sie zu verdauen hat mich viel gekostet.

Tiefer geht’s immer

Zerplatzter Lebenstraum © Imgrund

Es ist bitter, wenn ein Lebenstraum platzt, nur weil das eingebaute Verfallsdatum überschritten ist. Und die Trauerarbeit musste ich weitestgehend mit mir allein ausmachen. Denn ich hatte ja nichts zu erzählen, kein Ultraschallbild vorzuweisen, keine schlimme Geschichte von einem kleinen Wesen, das noch nicht auf, aber schon in der Welt gewesen war und aus irgendeinem schrecklichen Grund dann doch nicht leben konnte … Nein, der Punkt war, dass ja eben gar nichts passiert war. Außer, dass in mir eine ganze Welt heimlich, still und leise zusammenbrach natürlich.

Zu allem Überfluss nutzten Altlasten aus meiner Kindheit und Jugend die günstige Gelegenheit, aus der Versenkung aufzutauchen, in die ich sie vorsichtshalber verdrängt hatte. Und mir, die ich immer alles im Griff gehabt hatte, entglitt auf einmal alles. Ich war eine Fremde im eigenen Leben, ein Hamster im Rad, der immer verzweifelter rannte. Ich kam nur ums Verrecken nirgendwo an. Ende Gelände. Und ich wurde immer zorniger auf dieses Leben, auf dieses Schicksal, auf mich.

Schreiben, um wieder heil zu werden

Dann wusste ich nicht mehr weiter. Dann konnte ich nicht mehr weiter. Ich stand vor dem Abgrund der Depression und ahnte zum ersten Mal, wie bodenlos und dunkel und kalt es da unten sein kann.

Ich hatte mir auf einer fremden Couch den Mund fusselig geredet, und es hatte auch sehr geholfen, aber die Trauer und die Wut wollten trotzdem noch ein bisschen bleiben. Jahrelang hatte ich Selbsthilferatgeber lektoriert, aber jetzt wollte mir kein Patentrezept einfallen, keine Gebrauchsanweisung für meine Midlife-Crisis. Ich hielt nicht mehr allzu viel von mir und hatte keine Ahnung, wohin mein Schifflein schipperte. Und da, als weder Ignorieren noch Therapieren zu fruchten schien, beschloss ich, jeden Widerstand aufzugeben. Stehen zu bleiben. Es auszuhalten. Anzuschauen, anzunehmen, was eben anzuschauen, anzunehmen war.

Und mir alles von der Seele zu schreiben. Ich habe immer schon geschrieben. Jetzt war es der letzte Strohhalm Selbstvergewisserung, den ich noch zu packen bekam. Ab da gab es nach der Arbeit, abends und nachts, nur noch mich und meinen Laptop, mit dem ich Zwiesprache hielt. Er wartete auf Buchstaben, Wörter, eine Geschichte. Die bekam er auch. Und ich bekam mich zurück.

Loch im Bauch, Loch im Leben

Zitronenfalter © Imgrund

Zu Beginn meines Romans „Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen“ steht meine Heldin Marie ungefähr an demselben Punkt, an dem ich damals stand. Gut, ihr geht es akut noch um einiges dreckiger, denn sie hat ein Wunschkind ausgetragen und ein Sternenkind geboren und kann nun keine weiteren Kinder bekommen.

Weil Marie sich nicht schont, will die Notkaiserschnittnaht nicht heilen und entzündet sich. Ihre Fiebernächte werden zum Albtraum, durch den ein dämonischer Zitronenfalter geistert. Und zusammen mit der Operationswunde bricht schließlich die alte Verlassenheit wieder auf, die Marie begleitet, seitdem sie denken kann: „Alle lassen mich im Stich.“

Alle? Nicht alle, denn ihr Mann Matti bleibt bei ihr und versucht, trotz der eigenen Trauer zu helfen: „Du warst die beste Mutter, die er hätte haben können.“ Doch Marie will davon nichts hören: „Ich bin keine Mutter. Ich bin die Unfrau mit dem Sternenkind.“

Undeutlich ahnt sie, das sie den Weg, der vor ihr liegt, allein gehen muss – immer ihrem Dämon nach, dem menschenäugigen Schmetterling. Und so schickt sie ihren Mann weg. Sie bricht auf zu neuen Ufern. Genauer gesagt: zum Friedhof.

Ab zu den Toten

Ich für mein Teil liebe Friedhöfe. Sie machen mir keine Angst, sie schenken mir Ruhe und Kraft, Demut und Wehmut. Das Vorbild für Maries Friedhof ist übrigens der Alte Südliche Friedhof im Münchner Glockenbachviertel, auf dem ich zwischen Eichhörnchen, verwilderten Zypressen und moosbewachsenen Grabsteinen so manche Mittagspause verbracht habe.

Auf dem Friedhof © Imgrund

Marie sucht also ihr Heil auf dem Friedhof ganz in der Nähe der Klinik. Sie braucht Stille, und die gibt es dort ja genug. Denkt sie zumindest. Aber falsch gedacht, denn sie hat die Rechnung ohne Rose und Adrian, Siegfried und Gretel gemacht, die sie dort trifft. Adrian, der kernige Friedhofsgärtner, stört gern mal die Totenruhe mit nervenzerfetzender Death-Metal-Musik, während die senile Gretel ihrem verstorbenen Mann den Abendsegen schmettert, dass kein Auge trocken bleibt.

Für die leiseren Töne zuständig sind eher Rose und Siegfried, die beide – wie Marie – jeweils ein Kind verloren haben. Mit Rose, die ein namenloses Grab hütet, weil es sonst keinen Ort gibt, an dem sie um ihre Tochter trauern darf, kann Marie endlich über ihr eigenes Unglück sprechen. Und Rose hat Dinge zu sagen, die genauso wehtun, wie sie trösten: „Unsere Kinder gehören uns nicht … Wir müssen sie ziehen lassen, wenn es an der Zeit ist. Sie sollen ihre eigenen Wege gehen. In dieser oder einer anderen Welt.“

Das habe ich mir übrigens auch immer gesagt, wenn ich über die Seelen nachdachte, die vielleicht zu mir hätten kommen wollen in diesem Leben. Kann gut sein, dass sie jetzt den Weg zu jemand anderem gefunden haben. Vielleicht treffen wir uns ja sogar einmal.

Es ist, wie es ist, aber es kann wieder ein Leben werden

Unglück anzunehmen, um es dann loslassen zu können, ist schwer, das wissen wir alle, und Marie kann es einfach noch nicht. Stattdessen hadert sie lieber noch ein bisschen mit sich und ihrem Schicksal. Und wieder kennt Rose die Zauberworte: „Du bist der einzige Mensch, mit dem du dein ganzes Leben verbringst. Meinst du nicht, dass du dich langsam mit diesem Menschen anfreunden solltest? Denk nicht immer darüber nach, was dir fehlt – oder wer … Du hast doch schon so viel. Du hast dich!

Hinter den Wolken wartet die Sonne © Imgrund

Bis Marie das genauso sehen kann, dauert es eine Weile. Unterdessen geschehen allerhand Dinge, die hier nicht verraten werden sollen, denn auf diesem Friedhof ist möglicherweise nichts, wie es scheint. Siegfried, der griesgrämige Steinmetz, sorgt erst einmal dafür, dass Marie sich auf dem Friedhof nützlich macht. Er bringt ihr das Vergolden bei, „die Kunst, wie man sehen lernt, was unsichtbar ist“. In ihrem Fall heißt das zu begreifen, dass ihr Leben noch manchen Reichtum für sie bereithält. Dass ihr Sohn ein Recht auf ihre Liebe, einen Namen und einen Grabstein hat. Und dass er immer bei ihr sein wird, auch wenn er keinen Körper dazu braucht.

Den Segen sehen

Marie wird langsam wieder gesund, äußerlich wie innerlich: „Etwas wurde weit in ihr, und sie wusste einen Atemzug lang, dass sie die Welt umarmen durfte, sooft ihr danach war. Die Leere, die sie so gründlich aushöhlte, schuf auf einmal Platz für etwas Neues: ein ganz kleines Glück. Darüber, dass sie einmal ein Kind hatte haben dürfen, wenn auch nur kurz. Dass es ihm eine Weile gut gegangen war mit ihr. Und dass sie es noch immer lieben durfte, bis an ihr Lebensende und darüber hinaus, wenn das ging.“

Dieses Leben ist das größte Geschenk, das wir jemals bekommen werden – das habe auch ich gelernt, als sich der Abgrund wie durch Zauberhand unter meinen Füßen schloss, weil ich nicht mehr weglief, sondern hinunterschaute. In dunklen Zeiten mag das Leben eine Last sein, und wir mögen glauben, dass uns das Glück verlassen und vergessen hat. Aber das stimmt nicht. Es ist vielleicht nur gerade zu Besuch bei jemand anderem.

Ein neuer Weg

Manchmal muss man nur aus dem Schatten treten © Imgrund

Es gibt viele Leben, die nicht weniger gut sind als dieses eine Leben, das man sich so sehr gewünscht hatte. Mein eigenes sieht heute völlig anders aus, als ich es mir erträumt hatte, und ich staune, wie schön es ist. Die Lücke, die meine Kinder gerissen haben, indem sie sich andere Mütter suchten, hat Platz geschaffen für vieles, das mich erfüllt und womit ich offenbar auch andere berühre: Worte und Geschichten, zu Papier gebracht. Ehrenämter, in denen ich helfen darf. Eine tiefe Verbundenheit mit diesem Planeten und seinen Geschöpfen.

Ich habe noch immer kein Patentrezept für das Leben, denn es gibt keines. Ich weiß nur, was wichtig ist: dass wir das Geschenk in Ehren halten und nicht leichtfertig verschwenden. Dass wir das Leben ausschöpfen in seiner Fülle, die schlechten Zeiten inklusive. Dass wir das Gute und Schöne, das uns begegnet, nicht als selbstverständlich betrachten, sondern als Grund zur Freude, jeden einzelnen Tag – und sei es auch nur so klein wie ein Schmetterling, dessen größtes Glück das Fliegen ist …

Von manchen Wunden bleibt eine Narbe zurück, von anderen ein Schmerz, der nie ganz abklingen wird. Aber wir können sie überleben, und zwar nicht nur mit knapper Not. Die Zeit ist nämlich eine großartige Ärztin. Das wusste auch Udo Jürgens, und so endet sein Song mit einem Satz voller Hoffnung: „Denn Dunkelheit für immer gibt es nicht.“

Über die Autorin

Barbara Imgrund hat nach dem Germanistikstudium als Lektorin für verschiedene Verlage gearbeitet und ist heute als freie Übersetzerin und Autorin in Heidelberg tätig. Bereits während des Studiums ließ sie sich zur Schwesternhelferin ausbilden. Sie hat mehrfach in Namibia im Tierschutz volontiert, ist heute als ehrenamtliche Hospizbegleiterin im Einsatz und besucht regelmäßig mit ihrem ausgebildeten Besuchshund eine Palliativstation.

Kontakt

post@barbara-imgrund.de
https://barbara-imgrund.de/

Buchempfehlung von der Redaktion

Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen

Trotz Not-Kaiserschnitt erleidet Marie eine Totgeburt und erfährt im Wochenbett, dass sie nie wieder schwanger werden kann. Voller Wut und Trauer flüchtet sie auf den Friedhof zu den Toten. Dort trifft sie Menschen, die wie sie um ihre Kinder oder Partner trauern, mit ihnen kann sie sprechen oder besser, Ihnen kann sie zuhören. Das Buch ist so spannend geschrieben, dass man es gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Sehr einfühlsam geht Barbara Imgrund mit den Ängsten und Problemen der jungen Frau um. Immer wieder findet man wunderbar formulierte Lebensweisheiten, die die alten Leute auf dem Friedhof an Marie weitergeben. In diesem modernen Märchen verschwimmen Vergangenheit und Zukunft, Leben und Tod. Alles ist ein Übergang, immer geht es weiter. Durch die entscheidende Frage „Hast du genug geliebt?“ wird Marie klar, was ihre Aufgabe ist.

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