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Brustkrebs ist (k)eine Geschäftsidee

Von | 20. Oktober 2011 – 23:17 Ein Kommentar 10.926 AufrufeDrucken

Im Brustkrebsmonat Oktober machen wieder zahlreiche Initiativen auf die häufigste Krebserkrankung bei Frauen aufmerksam. Verschiedene Frauengesundheits-Organisationen haben den Brustkrebsmonat zum Anlass genommen, darauf hinzuweisen, dass Frauen noch viel zu wenig wissen, wie sie sich vor Brustkrebs schützen können und was die Vor- und Nachteile der Früherkennung sind. Denn nach wie vor  scheiden sich die Geister, ob und ab welchem Alter das regelmäßige Mammographie-Screening sinnvoll ist. Seit 2005 wurde in Deutschland ein nationales Mammographie-Screening-Programm aufgebaut. Viele andere Länder haben damit schon mehr als 30 Jahre Erfahrung. Deshalb ist es interessant, sich aktuelle Studien anzusehen, in denen über viele Jahre die Brustkrebshäufigkeiten mit und ohne regelmäßiges Screening erfasst wurden. Ich möchte nur zwei herausgreifen, die in der letzten Woche erschienen.

Beispiel Studie 1

In der Universität von Kalifornien wurden seit 1994 bei Frauen ab dem 40. Lebensjahr 170.000 Mammographien über 10 Jahre durchgeführt. Schon bei der ersten Untersuchung wurde in 16% der Fälle der Verdacht auf Brustkrebs geäußert, der sich nicht bestätigte. In den Folgejahren wurde der Verdacht bei ca. 61% der Frauen geäußert, so dass eine Nachuntersuchung erforderlich war, in 7 % gefolgt von einer Gewebeentnahme, die keinen Brustkrebs ergab.

Wurde nur alle 2 Jahre eine Mammographie durchgeführt, so reduzierten sich die Häufigkeit falsch positiver Befunde auf 41% und die unnötigen Biopsien auf 4,8%. Genauso fiel übrigens das Resultat aus, wenn bei den Frauen erst ab 50 Jahre mit dem Mammographie-Screening alle 2 Jahre begonnen wurde. So ist es in Deutschland jetzt üblich.

Beispiel Studie 2

Wissenschaftler aus Norwegen und Dänemark beobachteten über einen Zeitraum von 6 Jahren, wie häufig Brustkrebs bei 328.927 Schwedinnen im Alter zwischen 40 und 69 Jahren auftrat, die, je nach Alter, alle ein oder zwei Jahre am Mammographie-Screening teilnahmen. Verglichen wurden sie mit 317.404 gleichaltrigen Frauen, die nur am Ende der sechs Jahre eine Mammographie erhielten. Man erwartete, dass am Ende der sechs Jahre die Anzahl der an Brustkrebs erkrankten Frauen gleich groß sein müsste. Vielleicht erhoffte man sich in der Screeninggruppe auch frühere Brustkrebsstadien, die eine bessere Heilungschance haben.

Wider Erwarten betrug aber die gesamte Brustkrebsrate in der gescreenten Gruppe 1.443 Brustkrebse auf 100.000 Frauen, in der Kontrollgruppe gab es nur 1.269 Brustkrebse auf 100.000 Frauen. Die Forscher vermuten, dass sich kleine Brustkrebse vielleicht von alleine zurückbilden können.

Bereits vor 1 ½ Jahren stellte ich Ihnen in einem Artikel zum Mammographie-Screening vor, dass Prof. Baum aus London, der an der Entwicklung des Mammographie-Screenings maßgeblich beteiligt war, ein viel individuelleres Vorgehen empfahl. Hier lesen Sie auch, wie Sie selber Ihr Brustkrebsrisiko minimieren können. Außerdem empfehle ich Ihnen, mit der Mammacare- Methode die Selbstuntersuchung der Brust zu lernen.

Verschiedene Frauengesundheits-Organisationen haben am 17.10 eine gemeinsame Erklärung zum „Brustkrebsmonat“ herausgegeben. Sie fordern einen Stopp des Missbrauchs des Themas Brustkrebs.

Gemeinsame Erklärung zum Brustkrebsmonat, Berlin, 17.10.2011

Arbeitskreis Frauengesundheit in Psychotherapie und Gesellschaft e.V.,
Breast Cancer Action Germany,
Feministisches Frauengesundheitszentrum Berlin (FFGZ),
Netzwerk Frauengesundheit Berlin,
Treffpunkt Krebs – Selbsthilfe für jüngere Frauen,
Terre des Femmes Deutschland,
Women in Europe for a Common Future e.V.

Die fortschreitende Kommerzialisierung und ökonomische Ausbeutung des Themas Brustkrebs ist eine Fehlentwicklung, der eine Reihe von Frauenorganisationen jetzt entschieden entgegen treten.

Diagnostik und Therapie von Brustkrebs sind eng mit ökonomischen Interessen verknüpft. Eine begleitende kritische Bewertung ist grundsätzlich ratsam.

Besonders empörend ist der aktuelle Trend im Oktober: Globale Konzerne und Firmen überbieten sich gegenseitig mit PR-Kampagnen und sammeln Spendengelder auch in Deutschland ein. Der Aufmerksamkeitsfaktor des Themas Brustkrebs steigert Verkaufszahlen und wird zur Marketingmaßnahme für Geschäfte und Profite umgemünzt. Einnahmen und Verwendung der Spenden sind selten transparent. Beispielhaft zeigen zwei aktuelle Kampagnen, wie die Krankheit zum Geschäftsmodell umfunktioniert wird.

Am 18. Oktober wird Pink Ribbon Deutschland auf dem Potsdamer Platz „die größte pinkfarbene Schleife in Deutschland“ binden. Bei genauerem Hinsehen bieten die Macher auch jede Menge Werbung, Halbwissen aus PR-Kanälen, das Sammeln von Spenden sowie die Suche nach neuen Anzeigenpartnern. Als Frauengesundheitsorganisationen lehnen wir das mit solchen Aktionen verknüpfte konsumorientierte Frauenbild, das Frauen öffentlich sexualisiert und infantilisiert, ab.

Im Schlepptau des „pink“ angestrahlten Brandenburger Tors durch den Kosmetikkonzern Estée Lauder am 11. Oktober wird die Aufmerksamkeit auf hochpreisige Kosmetika gelenkt. Die verständliche Deklaration von Inhaltsstoffen oder der Verzicht auf krebserregende Chemikalien in Kosmetika stehen dagegen nicht auf der Agenda. Lichtaktionen, bei denen öffentliche Gebäude rosa angestrahlt werden, nennt die Medizinsoziologin Samantha King schlicht Stromverschwendung.

Wir sehen mehr Schaden als Gewinn für Frauen durch derartige Aktionen. Die Entwicklung, vorgeblich Wohltätigkeit auf Kosten kranker Menschen an geschäftliche Interessen zu koppeln, sehen wir mit Sorge.

Die Deutsche Krebshilfe, für die am 18.10. Spenden gesammelt werden sollen, und die eine Vorbildfunktion einnehmen muss, rufen wir auf, ihre Kooperationen kritisch zu überprüfen.

Was für Frauen grundsätzlich wichtig ist:

6 Punkte für den Umgang mit dem Thema Brustkrebs in Deutschland

1. Öffentlich geförderte und transparente Forschung zu Ursachen der Krebsentstehung, Diagnostik und Therapie. Langfristige Nachbeobachtung von Forschungsergebnissen weit über vermarktungsrelevante Eckpunkte und fünf Jahre hinaus.

2. Priorisierung der Vermeidung von Brustkrebs und anderen Krebserkrankungen. Schwerpunkt muss endlich der Abbau von Umweltbelastungen und Umweltgefährdungen sein. Keine Kooperationen und keine Annahme von Spenden von Unternehmen und Institutionen, die für die Erzeugung und Verbreitung von Karzinogenen verantwortlich sind.

3. Bereitstellung evidenzbasierter Informationsangebote unter Beachtung höchster professioneller und ethischer Standards und unter Berücksichtigung von Kapazität und Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen. Informationsmaterialien zu den Themen Vermeidung, Screening, Diagnostik und Behandlung auf einer rationalen anstelle einer rein emotionalen Ebene.

4. Transparente, zeitnahe und für Frauen verständliche Bewertung der Ergebnisse aus dem weltweit größten organisierten Mammographie-Screening-Programm in Deutschland. Frauen haben großes Interesse und Anspruch auf die Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Programm, um ihre Entscheidungen für oder gegen eine Teilnahme treffen zu können.

5. Berücksichtigung von Brustkrebs als einem großen sozialen Problem für erkrankte Frauen und ihre Familien sowie angemessene wirtschaftliche Absicherung von an Krebs erkrankten Frauen.

6. Transparente Offenlegung und Veröffentlichung der Interessenlage von Organisationen, die sich mit Brustkrebs und anderen gesundheitsbezogenen Themen befassen und/oder Spenden sammeln.

Weitere Informationen und Kontaktpartnerinnen

www.frauengesundheit-berlin.de
frauenrechte.de
www.ffgz.de
www.treffpunktkrebs.de
www.akf-info.de
www.bcaction.de
www.wecf.eu

Ein Kommentar »

  • igerhard sagt:

    Zur Ergänzung sandte mir eine Kollegin noch diese Studie:
    Neue Erkenntnisse zum Mammografie Screening und seinen Auswirkungen auf die Sterblichkeit an Brustkrebs
    In den meisten europäischen Ländern ist die Brustkrebssterblichkeit gesunken. Dies ist einer Untersuchung des British Medical Journal (BMJ 2011; 343: d4411) zufolge allerdings, wenn überhaupt, nur zu einem geringen Anteil der Einführung der Mammografie zu verdanken.
    Philippe Autier und Mitarbeiter werteten Daten der WHO-Datenbank zu Todesursachen und Screening, Krebsbehandlung und Risikofaktoren für Brustkrebssterblichkeit aus. Die Länder hatten die Screening-Programme im Abstand von 10 bis 15 Jahren eingeführt. Von 1989 bis 2006 sank die Brustkrebssterblichkeit in Nordirland um 29% und in der Republik Irland um 26 %, in den Niederlanden um 25%, in Belgien um 20 %, in Schweden um 16% und in Norwegen um 24%. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass das Screening keine direkt Rolle bei der Reduzierung der Brustkrebssterblichkeit spielt. Die Senkung der Sterblichkeit wird im Wesentlichen der Verbesserung der Qualität der Versorgung zugesprochen.
    Der erfreulichen Senkung der Brustkrebssterblichkeit steht allerdings ein starker Anstieg der Diagnosen seit Einführung des Screenings gegenüber. Die neuen Zahlen des Krebsregisters der ostdeutschen Bundesländer zeigen einen Anstieg der Diagnosen seit Einführung des Mammografie-Screenings um 40 Prozent von 206,7 auf 289,3 je 100 000 Frauen. Auch die nicht-invasiven Diagnosen, sogenannte In-situ-Tumore, lagen im Jahr 2008 mit 43,3 je 100.000 mehr als doppelt so hoch wie die des Vor-Screening-Zeitraums mit 19 je 100 000. (GKR Berlin, Juni 2011). Nach neuesten Erkenntnissen ist darin ein hoher Anteil an Überdiagnosen enthalten. Dies sind Formen von Brustkrebs, die nie gefährlich würden, wenn sie unerkannt bleiben. Diese Ergebnisse bestätigen, dass Frauen genau für sich abwägen sollten, welche Vor- und Nachteile die Teilnahme am Screening für sie hat.
    Herzliche Grüße
    Martina Schröder

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